Von Robert Jungk

Man ist sonst nicht gewohnt, aus Spanien Meldungen über fortschrittliche Entwicklungen zu hören, aber dieser Tage kam aus Madrid eine Nachricht, die zukunftsweisenden Charakter hat. Und zwar sollen dort ab sofort Angestellte und Arbeiter der Eisenbahn fünf, zehn oder sogar fünfzehn Prozent Lohnerhöhung erhalten, wenn sie Fremdsprachen beherrschen.

Wie notwendig es ist, daß gerade jene Berufsklassen und Bevölkerungskreise, die bisher nur mit ihrer Muttersprache auskamen, nun Fremdsprachen erlernen und beherrschen, hat besonders eindrücklich der Frankfurter Professor Karl Abraham auf dem diesjährigen „Deutschen Berufsschultag“ in Essen betont. Der „Gemeinsame Markt“ zwinge die Berufsgrundschulen dazu, sich zu „europäisieren“, eine solche Verpflichtung lasse sich aus dem Artikel 128 des EWG-Vertrages ablesen.

„Wir müssen auch bei den Berufsschulen übernationales Denken lernen.“ Dieser Ruf war das Leitmotiv der Essener Tagung, es ist auch seit einiger Zeit schon Parole in einigen internationalen Großbetrieben, die aus eigenen Mitteln Sprach- und Auslandskurse für ihre Arbeitnehmer eingerichtet haben.

Schon heute gibt es übrigens in Europa einige „internationale Produktionsstätten“. So schaffen bei der „Euratom“ in Ispra italienische, französische und deutsche Facharbeiter in der gleichen Fabrikhalle an Maschinen, die aus allen Mitgliedsländern der EWG stammen. Zuerst konnten sich die Arbeiter fast nur durch Dolmetscher miteinander unterhalten, aber nun verständigen sie sich schon meist direkt von Person zu Person.

Die Intensivierung des internationalen Waren- und Menschenaustausches hat sich in den letzten zehn Jahren viel schneller vollzogen als die so notwendige Umstellung der „Einsprachigen“ auf mehrere Sprachen. Um nun aber dennoch ein Minimum von Verständigungsmöglichkeit zu schaffen, hat sich – fast ohne daß wir es bemerkten – in dieser Zeit eine neue Art von Zeichensprache entwickelt. Erst vor einigen Wochen ging in Genf eine Sitzung der europäischen Transportkommission unter Leitung von Direktor Moser zu Ende, in der die Einführung zahlreicher neuer „Hieroglyphen“ am Rande der Autobahnen und Landstraßen unseres Kontinents beschlossen wurde. Um ein Zeichen gab es sogar ziemlich langwierige Diskussionen. Es war vorgeschlagen worden, den Automobilisten ein nahes Hotel oder eine Übernachtungsmöglichkeit durch die Darstellung eines Bettes zu signalisieren. Gegen diesen Antrag wandte sich aber die holländische Delegierte, eine unverheiratete, nicht mehr ganz junge Dame. Sie meinte, dieses Zeichen gefährde die Moral der Autofahrer. Es konnte schließlich ein Kompromiß erzielt werden: das plakatierte „Bett“ wird so hart aussehen, daß niemand dabei auf böse Gedanken kommt.

Besonders wichtig ist die Entwicklung solcher modernen Hieroglyphen für die Hersteller und Benutzer von Maschinen. Gewisse Bedienungsinstruktionen müssen – solange der durchschnittliche Arbeiter noch keine Fremdsprachen spricht – bildlich gegeben werden. An der „Hochschule für Gestaltung“ in Ulm ist eine besondere Abteilung zur Zeit mit dem Entwurf einer möglichst verständlichen und auch ästhetisch annehmbaren Zeichensprache beschäftigt.

Aber das sind wohl nur Übergangslösungen. Der Hebel müßte eigentlich schon bei der Volksschulerziehung angesetzt werden. Die Erlernung von Fremdsprachen darf nicht mehr Privileg der höheren Schulen sein. Die Internationalisierung des Lebens, die heute alle Bevölkerungsschichten miterleben, verlangt, daß weitschauende Pädagogen sobald wie möglich der ganzen Bevölkerung die Horizonterweiterung und Bereicherung des Sprachunterrichts ermöglichen. Das „Erobern“ einer anderen Sprache und der Kulturschätze, die sie erschließt, wird als eine Art „Sublimierung“ der Invasionsfeldzüge vergangener dunkler Zeiten in die künftige Geschichte eingehen.