Von Hans Peter Bull

Die Frage, ob der Mensch fähig ist, sich frei zu entscheiden, die wir in unserer letzten Ausgabe an dieser Stelle angeschnitten haben, ist für den Gesetzgeber ein praktisches Problem. Für den Juristen ist Willensfreiheit gleichbedeutend mit der Schuldfähigkeit des Bürgers. Ihre Anerkennung oder Ablehnung hat für das Strafrecht axiomatische Bedeutung. Dahinter aber steht die Verfassungsfrage: freiheitliche oder kollektivistische Ordnung?

In einem deutschen Jugendgefängnis unterhält sich ein Besucher mit einem der Insassen, der sich mürrisch abseits hält. „Mein Urteil ist ungerecht“, sagt der jugendliche Delinquent. „Hast du es denn nicht getan?“ fragt der Besucher. „Das ja – aber ich bin doch neurotisch!“

Neurotisch – und daher nicht verantwortlich? Der Kölner Strafrechtsprofessor Richard Lange, der über diese Unterhaltung berichtet, wertet sie als bedenkliches Symptom für den Schwund an Verantwortungsgefühl, der überall festzustellen sei, und er spricht von dem „uralten Trieb des Menschen zur Selbstentschuldigung“, den es zu bekämpfen gelte. Professor Lange ist einer der entschiedensten Verfechter der These, daß der Mensch zu freiem, verantwortlichem Handeln fähig sei, daß es also doch jene immer wieder umstrittene „Willensfreiheit“ gebe. Dieses Problem der Willensfreiheit interessiert die Juristen ja nicht aus bloßer philosophischer Wißbegierde, sondern aus sehr praktischen Gründen. Denn eine große Anzahl von ihnen, wenn nicht die meisten, erkennen die Folgerung jenes jungen Gefangenen an und bekämpfen nur die Voraussetzung: sie sind der Ansicht, daß die Verneinung der Willensfreiheit eine generelleEntschuldigung aller Rechtsbrecher bedeuten würde, daß der Staat dann nur noch Maßnahmen zur „Behandlung“ der Delinquenten ergreifen und keine moralischen Maßstäbe für das menschliche Handeln mehr aufstellen dürfe.

Um dies zu vermeiden, macht man erhebliche Anstrengungen, die Willensfreiheit gegen den Determinismus zu verteidigen. So weist Professor Lange darauf hin, daß der Wiener Kriminologe und Psychiater Friedrich Stumpft nach einem jahrzehntelangen Forscherleben kürzlich feststellte, aus „all dem naturwissenschaftlichen Aufwand von Tiefenpsychologie, Psychiatrie, Vererbungswissenschaft, Konstitutions- und Milieuforschung“ ergebe sich nichts anderes als die Freiheit des Menschen. Man beruft sich auf das Freiheits bewußtsein des Menschen; man verweist auf die „statistische Kausalität“ im Bereich der Mikrophysik, auf die Auffassung moderner Zoologen und Tierpsychologen (Portmann, Storch, Lorenz), daß der Mensch auf einer über das Tierische hoch erhabenen Entwicklungsstufe stehe; man bemüht sich, wie Professor Nagel in Leiden, um eine genauere Erfassung dessen, was unter „Ursache“ des Verbrechens zu verstehen ist: Wissen wir wirklich das Wichtigste, wenn wir Motive und einzelne Einflüsse festgestellt haben?

Der Einfluß des Gutachters

Aber trotz aller Argumente: der Glaube an die Willensfreiheit steht nicht felsenfest; es gibt viele Zweifler – Richter, die mit ungutem Gefühl Strafen verhängen, Wissenschaftler, die das Strafrecht auf eine andere Grundlage stellen wollen. Die Richter erleben, daß die psychologischen und psychiatrischen Sachverständigen eine immer stärkere Stellung erringen, daß im Jugendrecht „Erziehung“ statt „Strafe“ zum Leitgedanken geworden ist und der Pädagoge oder Sozialarbeiter das entscheidende Wort spricht, der Richter nur noch ausführendes Organ ist.