Von Paul Diwo

Paul Diwo ist Studienrat an einem nordrhein-westfälischen Gymnasium

Wer wie Professor Killy die Lektürepläne der höheren Schulen, die Hilfsmittel (Literaturgeschichten) und neuerdings auch die Aufsatzerziehung kritisch angreift, der trifft, wenn auch nicht gerade „ins Zentrum der gegenwärtigen Bedrängnis des Gymnasiums“, so doch in die Weichteile des Deutschunterrichts an den höheren Schulen. Das spürt jeder Deutschlehrer, das hat Killy gewußt und beabsichtigt, und viele Fachleute werden ihm recht geben.

Den Mann der Praxis wundert nur eins: Hat denn Killy eine sofortige Reaktion der Behörden erwartet, da er nun die „Folgen, die nicht erfolgen, merkwürdig“ findet? Lasse er sich trösten: Irgendwann werden. die Behörden auch einmal auf seine Kritik antworten; vielleicht jede einzeln für sich, vielleicht auch antworten sie gemeinsam, und eine gemeinsame Antwort in unserem föderalisierten Schulbetrieb zu konstruieren, das braucht seine Zeit. Vielleicht aber auch, daß die eine oder andere Schulbehörde der Bundesrepublik eine Kritik in einer „Gazette“ als nicht existent, wenn nicht gar als nicht beantwortenswert erachtet. Dieses Schicksal hat ja wohl auch R.W. Leonhardts Serie „Wie man in Deutschland Deutsch studiert“ erfahren, in der nicht nur für die Universität, sondern auch für die höheren Schulen und ihre Behörden manches Beherzigenswerte zu lesen war.

Aber wer sind eigentlich „die“ Behörden? Ich könnte mir vorstellen, daß die viel zitierten und für vieles verantwortlich gemachten Herren Oberschulräte zum Beispiel die Frage des Lektürekanons einem Gremium von Germanisten überantworten und die „erarbeiteten“ Ergebnisse in behördlicher Regie den unterstellten Schulen zur Beachtung weiterreichen.

Wer nun sitzt in solchen Gremien, wie kommen die Leute da hinein? Dem Mann der Praxis ist es längst bekannt, daß ein bestimmter Kreis von Starpädagogen sich in mehr oder weniger wechselnder Zusammensetzung bei Germanistentagen trifft, sich als Gutachter in Schulfunkfragen präsentiert oder als Berater der Schulbuchredaktionen fungiert. Es wäre interessant zu erkunden, ob nicht die Mängel der Schulbücher und die der Lektürepläne etwa ein und dieselbe Ursache haben. Und es soll nicht verschwiegen werden, wie man in den Ruf des „Fachmanns“ geraten kann: Da dreht man mit seinen Schülern ein oder zwei in ihrer Art nette Schmalfilme, und schon hängt einem der Ruf des „Filmpädagogen“ an, und zwar in dem Kreis, der zufällig davon gehört hat. Wäre die Kunde weiter „nach oben“ gedrungen, so stände zu befürchten, daß man ... Nein – ich will das Schreckliche nicht ausmalen. Sollte irgendwo ein Gremium für den „Film in der Schule“ sitzen, so hoffe ich nur, daß diese Leute Besseres zu tun haben, als mit bedeutungsschwerer Miene papierene Plattheiten von sich zu geben.

Aber sehen wir uns das Gremium an, dessen Bedeutung in den Aufsätzen Killys unterschätzt wird: die Fachkonferenz an jeder einzelnen Schule, in der alle Lehrer eines Faches vereinigt sind. Diese Konferenz legt unter anderem den Anstaltslehrplan für Deutsch fest, also auch den Lektürekanon im einzelnen. Die Richtlinien des Landes Nordrhein-Westfalen sprechen nicht nur von dem Unterschied zu anderen Ländern, sondern auch von der umstrittenen Stilschulung und von „starken Gegensätzen“ bei der Auswahl des „Schrifttums“. Gemeint sind wohl die Auffassungsdifferenzen der Gremiumsmitglieder über Wert oder Unwert einzelner Lektüren. Es ist aber nur recht und billig festzustellen, daß die Behörde dem Deutschlehrer die Freiheit läßt, die Richtlinien auszufüllen oder zu erweitern, und zwar innerhalb des Anstaltslehrplans.