Von Theo Sommer

Sprengt die politische Kraft, die dem Atem innewohnt, die atlantische Allianz auseinander – oder wird sie die fünfzehn NATO-Partner zu neuen, besseren Formeln und Formen der Integration zwingen?

Die Frage ist nicht akademisch; sie ist akut. Sie hat seit zwei Jahren jede NATO-Konferenz beherrscht; sie stand jetzt wieder im Hintergrund der Reise Dean Rusks durch Europa; und sie wird uns in den kommenden Monaten unaufhörlich beschäftigen. Auf dem Spiele steht die Einheit der westlichen Welt. Das Atom wird diese Einheit entweder zerstören oder es wird ihr eine dauerhafte Gestalt verleihen.

Der Kern des Problems, das dabei gelöst werden muß, ist das Vertrauensverhältnis zwischen Europa und den Vereinigten Staaten. Dies Vertrauensverhältnis ist abgeschlagen, seit die Vereinigten Staaten im Ernstfall selbst der Zerstörung durch sowjetische Interkontinentalraketen ausgesetzt wären. Noch so viele und noch so aufrichtige amerikanische Deklarationen vermögen den nagenden Zweifel nicht aus der Brust mancher Verbündeter zu bannen, daß die USA in der Stunde der Gefahr nicht für Europa in die Bresche springen würden. Wie Henry Kissinger es in seinem jüngsten Aufsatz formulierte: „Die Sorge mancher unserer Alliierten gilt nicht unserer Planung, sondern – um es kraß zu sagen – unserem Willen; nicht unserer Fähigkeit, nukleare Waffen einzusetzen, sondern unserer Bereitschaft dazu.“

Wie kann dieser Zweifel an der amerikanischen Bündnistreue beseitigt werden? Charles de Gaulles Antwort: Jeder Staat, der auf sich hält, muß eben seine eigene Atomwaffe entwickeln. Diese Waffe werde Frankreich „groß, unabhängig und stolz“ machen, hat sein erster Premierminister Debré einmal erklärt, und er selber hat es so ausgemalt: „Was die Verteidigung anbetrifft, so will Frankreich, daß sie nationalen Charakters sein soll. Insbesondere hinsichtlich der Kernwaffen ist es notwendig, daß Frankreich sein eigenes Instrument hat. Andernfalls wären wir nicht länger eine europäische Macht, eine souveräne Nation, sondern lediglich ein integrierter Satellit.“

Und also baut Frankreich seine eigene atomare Streitmacht auf. Sie verschlingt ungeheure Summen (die der konventionellen Rüstung entzogen werden), wird in dem Moment veraltet sein, in dem sie einsatzfähig ist, und überdies höchst verwundbar bleiben. Doch das Frankreich de Gaulles ist lieber ein unabhängiger, empfindlicher Atomzwerg als eben ein „Waffensatellit“ Amerikas. Und es ist weit davon entfernt, seine Atommacht ebenso mit der amerikanischen zu verzahnen, wie es die Briten in steigendem Maße mit der ihren getan haben.

Die Regierung Kennedy sieht es mit Ingrimm. Nicht, weil sie Frankreich im Status des Waffensatelliten halten möchte, sondern weil sie die französische Atomrüstung für unnütz hält. US-Verteidigungsminister McNamara hat es vor Rusks Europa-Reise mit undiplomatischer Deutlichkeit noch einmal gesagt: „Atomstreitmächte mit begrenzter Kapazität, die unabhängig operieren, sind gefährlich, kosten viel Geld, veralten schnell und sind als Abschreckungsmacht wenig eindrucksvoll.“ Washington kann die Entstehung einer unabhängigen französischen force de frappe nicht verhindern, aber es will nichts tun, sie zu fördern. Es wäre eine Atomstreitmacht, die den Krieg zwar beginnen, ihn aber nicht beenden könnte.