Von Harry Pross

Soziologie ist eine Mode. Das weiß jeder. Moden werden gemacht aus Bedürfnissen, die da sind, und aus denen, die sie erst selber hervorrufen. Den Nutzen haben die Modeschöpfer. Den Schiden tragen diejenigen, die auch das Nachsehen haben, das Nachsehen hinter den wechselnden Moden.

Zu fragen wäre also, wer den Nutzen von der Soziologie-Mode hat. Die Soziologen sind es nicht. Eher haben sie das Nachsehen. Sie hetzen hinter der gesteigerten Nachfrage her, die sie kaum befriedigen können, und müssen zudem auf den Laufsteg klettern, um die neuesten Modelle vorzuführen: Der Artikel verlangt reifere Mannequins mit akademischem Dekor.

Die Schüler der Soziologen sind die Nutznießer auch nicht. Sie profitieren nichts als Zweifel. Und den Lesern ergeht es kaum besser.

Bleiben die Kapitalisten oder die Amerikaner oder die Kommunisten. Einer von denen wird den Nutzen schon haben. Vielleicht haben ihn alle Mächte zusammen.

In der Tat fällt die soziologische Mode in eine gesellschaftliche Konstellation, die nirgends eine Botschaft hat. Der American dream erregt in Harvard nur noch müdes Lächeln. Im Komsomol trägt man sich zynisch. De Gaulles renovierter Nationalismus ist kein Neubau, und der gereifte Konrad Adenauer beeilt sich, seine Europa-Vision von 1950 als eine Art Jugendillusion abzutun. Weitum ist keine höhere Gesellschaftsform in Sicht. Dagegen bemüht sich jedermann, die Gegenwart, die doch schwinden muß wie Eis in Kinderfingern, durch intellektuelle Opfer anzuhalten. Grundsätze werden verworfen, Programme revidiert, Nahziele in geziemende Entfernung gerückt. Am besten fährt, wer gar nicht fährt! Ist das so?

„All das schießt gewiß übers Ziel. Aber theoretischen Entwürfen ist es eigentümlich, daß sie mit den Forschungsbefunden nicht blank übereinstimmen; daß sie diesen gegenüber sich exponieren, zu weit vorwagen, oder, nach der Sprache der Sozialforschung, zu falschen Generalisationen neigen. Eben darum war, abgesehen von den administrativen und kommerziellen Bedürfnissen, die Entwicklung der empirisch-soziologischen Methoden notwendig. Ohne jenes Sich-zu-weit-Vorwagen der Spekulation jedoch, ohne das unvermeidliche Moment von Unwahrheit in der Theorie wäre diese überhaupt nicht möglich: Sie beschiede sich zur bloßen Abbreviatur der Tatsachen, die sie damit unbegriffen, im eigentlichen Sinn vorwissenschaftlich ließe.“