Die Antike wurde den Deutschen von Goethe nach seinem Bilde geformt, aber da er ihr im Wesen näher stand als im Werk, blieb sie davor bewahrt, als reiner Gymnasiastenschreck fortzuleben. Hölderlin kannte nur ihre Götter, und auch sie sind in anderen Höhen beheimatet als auf dem Olymp. Trotz aller Seelensuche nach dem Land der Griechen, trotz der hohen Vollendung, zu der es etwa die deutsche Ode bis in die neueste Zeit gebracht hat, kam die Antike niemals, über Faltenwurf und Gipsabguß hinaus, zu einem wahren Weiterleben.

Allerdings ist der griechische Roman ein sehr später Wuchs, und es ist kein geringes Wunder in leben auf der Insel Lesbos. Bei den geistigen Zu ständen von heute kann man ein Buch umbringen, wenn man ihm Unschuld nachsagt – aber hier wird sie zum abenteuerlichen Erlebnis. Es ist eine Geschichte von zwei unschuldigen Hirtenkindern, die sich ineinander verlieben, ohne zu begreifen, was mit ihnen vorgeht, ohne zu wissen, was tun. Wie sie nun vom Oberhirten behutsam unterwiesen werden und wie der junge Daphnis von einer erfahrenen Hirtin eingeweiht wird, das ist von einer Naturnähe, deren Gott Pan heißt, und einer Abgebrühtheit, an der Cocteau zuschanden geworden wäre.

Der zweite Glücksfall bei diesem (nach fünfzehn Jahren neuaufgelegten) Buch sind die Bilder von Renée Sintenis, die mit den Worten zugleich und unter demselben Himmelsstrich geboren scheinen, nicht in den dreißiger Jahren in Berlin. Das Hirtenpaar Daphnis und Chloe hat viele Illustratoren gefunden: die Kupferstecher des Rokoko, die sie, wie alles, in galante Schäfer verwandelten: Bonnard, dessen leicht verfettete Gestalten mehr Jugendstil als Jugend atmen; Maillol, dem die sparsame Linie ein wenig unjung und hart geriet; zuletzt auch Chagall – nun, Mytilene ist seine Sphäre nicht. Keiner von ihnen erreichte solche Schwerelosigkeit wie die Berliner Künstlerin.

Ihre Skulpturen und Zeichnungen junger Tiere und Knaben hatten immer schon diese äußerste Beschränkung der Konturen; den großen Verzicht auf den Raum; die weiße Leere, wo der Körper sein sollte und man das Herz klopfen zu hören meint; die rührende Magerkeit neugeborener Geschöpfe; aus dem Zeitlosen geholt, ins Immergültige versetzt: ebenbürtig dem Buch und wie diese, (noch einmal Goethe) „so schön motiviert, daß dabei die größten menschlichen Dinge zur Sprache kommen“. Ernst Stein