Die Rechnung des Bergarbeiterführers Heinrich Gutermuth ist aufgegangen. Seine Drohung mit dem Streik der Kumpel in den Kohlenrevieren an Rhein und Ruhr hat genügt; der Streik selbst war nicht mehr nötig. Die Wünsche der IG Bergbau wurden erfüllt, eine achtprozentige Lohnerhöhung einschließlich einer Nachtschichtzulage von zwei Mark zugestanden. Der soziale Frieden ist wiederhergestellt – aber auf Kosten der Steuerzahler.

Denn nicht die Arbeitgeber werden die Lohnerhöhung aus ihrer Tasche bezahlen, der Bund wird in den Steuersäckel greifen müssen. Wiederum ist die Bundesregierung umgefallen, wiederum hat sie ihre eigene Maßhalte-Mahnung in den Wind geschlagen: Sie wird den Unternehmern finanzielle Erleichterungen für ihre Mehraufwendungen gewähren. Genau darauf hatte Gutermuth spekuliert. Seine Überlegung, daß man den Bergarbeitern vierzehn Tage vor der Wahl den Streik fast um jeden Preis abkaufen würde, erwies sich als zutreffend. Er brauchte sich gar nicht auf das Äußerste einzustellen ...

Zwar war die Streiklust seiner Gefolgschaft keineswegs so groß, wie man in Bonn und in Düsseldorf meinte. Doch verfehlten die martialischen Worte „Wir werden nicht human sein, wir werden einen harten erbarmungslosen Streik führen!“ ihre Wirkung nicht. Wieselflink traten die um die Gunst der Wählerschaft bemühten Politiker der Parteien auf den Plan – allen voran der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Meyers – und machten die Forderungen der Gewerkschaft zu ihren eigenen.

Heinrich Gutermuth hatte von Anfang an keinen Zweifel daran gelassen, daß sich die Streikdrohung gegen Bonn richtete und nur nebenbei gegen den zahlungsunfähigen Steinkohlenbergbau. Die Unternehmer hörten diese Töne denn auch gar nicht ungern: Ihnen war die Lohnauseinandersetzung ein willkommener Anlaß, die von der Bundesregierung erwarteten Hilfsmaßnahmen zu gunsten der Kohle in Gang zu bringen. Es ist nicht das erste Mal, daß die Zechenunternehmen mit der IG Bergbau am gleichen Strick zogen. Und in der Tat: Die „dicken Kohlentränen“ sind nicht umsonst geflossen – im wahrsten Sinne des Wortes: nicht umsonst!

Der Bund will die Zechen jetzt in die Lage versetzen, die Kosten aufzufangen, die sich aus der Lohnerhöhung ergeben. Das Bundeskabinett hat beschlossen, von den rund 320 Millionen Mark, die der Bergbau für die höheren Tariflöhne vom 1. Juli an aufzuwenden hat, etwa 250 Millionen DM aus öffentlichen Mitteln beizusteuern. Dieser Zuschuß wird offiziell als „Rationalisierungshilfe“ ausgewiesen. Das ist jedoch ein Taschenspielertrick wie er im Buche steht, da gleichzeitig ja die gleiche Summe an die Arbeitnehmer weitergeleitet wird. Ein Teil des nötigen Zuschusses soll das Land Nordrhein-Westfalen leisten; ferner hofft man in Bonn, daß sich auch Niedersachsen diesem Beispiel anschließen wird.

Was die Zechen selber aufbringen müssen, ist demgegenüber kaum mehr als ein Beitrag des „guten Willens“. Im übrigen wurde aus Essen sogleich gemeldet, daß nunmehr eine Kohlenpreiserhöhung „unumgänglich“ sei. Sie könne indessen, so hieß es, auf durchschnittlich 2 bis 2,5 Prozent beschränkt bleiben. Das bedeutet also eine Preiskorrektur nach oben – und dies zu einem Zeitpunkt, in dem der Absatz der Kohle ohnedies Schwierigkeiten genug bereitet.

Am Ende des abenteuerlichen Lohnkampfes an der Ruhr kann also kein Jubel über den in letzter Minute abgewendeten Streik aufkommen. Wieder einmal hat sich die Bundesregierung das Gesetz des Handelns in Sachen Kohle aus der Hand nehmen lassen; wieder einmal hat sie dem massiven Druck der Bergarbeiter-Gewerkschaft nachgegeben. Und abermals muß der Steuerzahler die Zeche der Zechen begleichen.