Heute Bettwäsche wechseln“ und „Die geheim men Verführer“ – stand nonchalant nebeneinander auf dem schwarzen Brett des Studentenheims Nr. 1 am Klausenpfad in Heidelberg zu lesen. Wir waren nicht böswillig genug, daraus einen Zusammenhang zu konstruieren ...

„Ich glaube, ich darf Ihnen eine recht interessante und hitzige Diskussion versprechen, weil die Ergebnisse, zu denen wir nach dem Studium der Bücher von V. Packard (Die geheimen Verführer) und J. K. Galbraith (Gesellschaft im Überfluß) gelangt sind, ziemlich entgegengesetzt zu den von Ihnen – in der ZEIT – vertretenen Ansichten stehen.“

Wir waren der Einladung zu den Heidelberger Studenten um so lieber gefolgt, als an der Ernsthaftigkeit, mit der hier das Thema Werbung diskutiert wird, kein Zweifel möglich schien. Den „gesellschaftlichen Problemen der Werbung“ waren nach dem der Einladung beigefügten Plan der Studentischen Arbeitsgemeinschaft immerhin neun Dienstagabende des Sommersemesters gewidmet. Wir hatten uns dennoch keinen Illusionen darüber hingegeben, daß wir einen Massenzulauf haben würden. Heidelberg eignet sich nach wie vor eher zum Pokulieren als zum Studieren oder Debattieren.

Zwei Dutzend Studenten und – notabene – Studentinnen der verschiedensten Fakultäten und Disziplinen reichten indessen vollkommen aus. Nicht, um uns aus dem Konzept, aber doch gelegentlich in leichte Verlegenheit und – zugegeben – auch ein wenig in Harnisch zu bringen. Um es vorweg zu sagen: Wir hätten nicht gedacht, daß wir hier die gleichen klischeehaften Vorstellungen von Werbung antreffen würden, wie wir sie in dieser Zeitung gelegentlich schon glossiert haben. Die Saat der „Geheimen Verführer“ in Kombination mit der „Gesellschaft im Überfluß“ war auch hier auf fruchtbaren Boden gefallen und prompt aufgegangen. Unsere Studenten hatten ihre Lektion vom „erzwungenen Verbrauch“ bis hin zur „unterschwelligen Werbung“ wohl gelernt mit der Folge, daß wir unversehens in eine Verteidigungsposition der Werbung gegenüber gerieten.

Den eigentlichen Anstoß hierzu gab eine Unterhose. Und das kam so: Dem Leiter der Arbeitsgemeinschaft war unglücklicherweise der Thekenaufstellen einer Unterhosenwerbung in die Hände gefallen. Und der fungierte als „corpus delicti“. Darauf war – als Blickfang – ein Homburg abgebildet und die Kopfleiste der „Times“. „Charakteristisch für Gentlemen...“ Das war die Schlagzeile. Und weiter im (Werbe-)Text: „Weltoffene Gesinnung, imponierende Sicherheit und selbstverständliche Eleganz. – Und zum Gutangezogensein gehört auch XY, die Unterwäsche gepflegter Herren. Gentlemen tragen XY – und XY tragen doch auch Sie...“

Es kam zu einer mehr oder weniger ernsthaften, also um so drolligeren Diskussion darüber, ob es nicht unmoralisch sei, auf diese Weise Unterhosen an den Mann, Verzeihung, an den Gentlemen zu bringen. Wir bedauern noch jetzt, daß kein Tonband zur Stelle war. Damit hätte man etwa folgende Diskussion festhalten können:

„Was haben denn Unterhosen mit weltoffener Gesinnung zu tun?“ – „Natürlich gar nichts, das sind doch nur Mätzchen,“ – „Die Leute fallen auf solche Reklame herein.“ – „Glauben Sie wirklich?“ – „Diese Art von Werbung hat es auf unser Unterbewußtsein abgesehen.“ – „Aber wenn der Gentleman ein Leitbild ist und wenn die Leute dabei glücklich werden, mit der Unterhose auch noch Sozialprestige einzukaufen.“ – „Das ist doch lächerlich. Den Gentleman hat uns ja auch erst die Werbung aufgeschwatzt, eingeredet hat man uns das...“ – „Aber das Prestigebedürfnis ist doch nun einmal nicht hinwegzudiskutieren.“