Von Paul Laven

Die Brasilianer haben dem Namen, den die Chilenen ihnen gaben, alle Ehre gemacht. „Los Cariocas“ sind die Burschen, die in einem schwungvoll stürmischen Tanz zu glänzen verstehen. Sie sind erneut Weltmeister geworden durch eine herausragende, eindrucksvolle Bewegungskunst, mit der sie Ball und Raum beherrschen. Als ich vom Stadion wegfuhr und später durch die „Providentia“, die kilometerweit sich hinziehende Hauptstraße Santiagos, ging, hielt plötzlich ein junger Motorradfahrer neben mir an. Seine Augen flammten, und wie beschwörend rief er dem als Europäer eingeschätzten Spaziergänger zu: „Viva los Cariocas, viva Chile!“

Gewiß, es ist ein anderer Kontinent, von Menschen bewohnt, die sich in vielem von den Europäern unterscheiden. Man begreift das Ausmaß der Sportbegeisterung dieser Leute zunächst nicht recht. Schaut man aber länger zu, denkt man tiefer nach; unterhält man sich oft mit ihnen, dann werden einem manche Gründe dafür klar. Sie wollen unter allen Umständen „aufholen“, sie überkompensieren Komplexe, die zweifellos vorhanden sind. Daß jetzt wieder zwei ihrer Mannschaften unter den ersten drei der Weltmeisterschaft waren, das hebt ihr Selbstbewußtsein in einer Weise, die wir kaum erfassen können. In Rio stießen sich zwei junge Fans schon vor Freude hochspringend an einer Steindecke die Schädel ein, als sie den 3:1-Sieg der „Cariocas“ über die Engländer in ihren kleinen Radioapparaten hörten. Der Rausch der Siegesfreude überkommt sie in einem Ausmaß, vor dem wir, doch an manches gewöhnt, fassungslos stehen.

Und sie kennen da keine Hemmungen, vor nichts und niemand. Der Freudenlärm in Santiago nach dem Sieg über die Russen und gar erst nach der Erringung des dritten Platzes durch die einheimische Mannschaft wird uns noch lange in den Ohren klingen. Vom „Karneval in Rio“ ganz zu schweigen. Ein chilenischer Freund, der die Geschichte selbst erlebte, erzählte mir, daß die Mannschaft, ihre Trainer und nahestehenden Anhänger nach dem Sieg über Jugoslawien sich zu einer internen Feier zurückgezogen haben. Der Präsident des Landes, Jorge Alessandri, fuhr, seinen Wagen selbst steuernd hin, um den Spielern zu gratulieren – auch wohl, um selbst am Glanz deren unheimlich angewachsener Publicity teilzuhaben.

Erst nach längerem Klopfen wurde ihm geöffnet. Der Mann, der an die Tür kam, war einer dieser amüsanten, oft gnomartigen Figuren, von denen manche südamerikanische Mannschaft umgeben ist. „Hier kommt keiner ’rein“, schrie dieser und wollte schon zuschlagen. Alessandri rief: „Ich bin der Präsident, ich möchte die Helden beglückwünschen!“ Der Bursche wandte sich um und rief zu der Festtafel: „Jungens, la paleta ist hier. Wollt ihr ihn haben?“ Nun muß man wissen, daß Präsident Alessandri den Spitznamen „la paleta“ (Schläger beim Tischtennisspiel) führt, weil er versprochen hat, da, wo es im Lande Ordnung zu schaffen gilt, zuzuschlagen. (Böse Zungen nennen den in mancher Beziehung eingeengten Mann jetzt auch angesichts des hin- und herspringenden Dollarkurses in Chile „ping-pong“.)

Überbewertung des Sports um seines die Menschen ümheimlich erregenden Einflusses willen oder Kotau vor einem Volksschauspiel größten Ausmaßes – es ist und bleibt erstaunlich, wie dieses Spiel verhext, fasziniert. Wir trauten unseren Augen und Ohren nicht, als im Nationalstadion beim Kampf der Deutschen gegen die jugoslawische Mannschaft plötzlich jähe Jubelrufe aufbrausten und in wildem Getöse über die Ränge brandeten. Sehr viele Zuschauer hatten allerlei kleine Radioapparate mitgebracht und verfolgten die Schilderung des Spiels, in dem die chilenische Mannschaft „Los Towarichs“, die Russen, in Arica besiegte. Und als es dann um den dritten Platz unter den fast die ganzen Wettkampftage hindurch im Sonnenlicht weißschimmernden Cordilleren ging, da gab es einen Aufmarsch sondergleichen, aus allen Teilen der chilenischen Bevölkerung. Reihenweise sah man Priester, Mönche auch in langen flatternden Soutanen heraneilen, Gruppen von Nonnen, auf deren Hauben das Sonnenlicht prallte, jene seltsamen Typen in zerfransten Röcken auch, die am Rande der Stadt in den „Callampas“, den als „Pilze“ bezeichneten Behelfsheimen wohnen, elegante Damen und Herren in prächtigen Autos.

Mit einer Leidenschaft, die für uns ungewöhnlich ist, verfolgten sie den Kampf, feierten sie den chilenischen Sieg. Was fesselt sie denn nun wirklich über allem Tam-Tam, über die Sucht, dabei sein zu wollen, über den künstlich aufgemöbelten Reklamerummel mit seinen Histörchen vom „Ach und Weh“ im Menschlichen, das auch im Familienklatsch der Akteure aufgetischt wird, hinaus? Daß ihre Burschen durch eine geschickte Wendung, durch einen wuchtigen, von Glück und Zufall begünstigten Schuß oder Kopfstoß die Entscheidung herbeiführten, daß da welche zusammenstoßen, ächzen, stöhnen und dann doch wieder aufstehen? Daß der große Rojas in Chiles Mannschaft in der Lage war, durch prächtige Schüsse seiner Mannschaft den Weg in die Spitzengruppe zu bahnen? Es wäre zu einfach, auch zu „billig“, eine solche Weltmeisterschaft im Fußball als „Schau“ abzutun. Was da oft und nicht ohne tieferen Grund als der Sinn dieses Zusammenwirkens von elf Athleten in einer geschmiedeten Gemeinschaft herausgestellt, gepriesen wird, es enthüllte sich auch in Chile. Am Anfang ging es unbändig wild und roh zu. Schon hatte man Anlaß, Schlimmes für den weiteren Verlauf zu befürchten. Dann aber fingen sie sich wieder, sie wurden bei aller Härte, die bis zum Schluß anhielt, „fair“ und achteten dann doch das sportliche Gesetz.