Von Hans Walter Berg

New Delhi, Ende Juni

Dr. Adenauers Erklärung an die Adresse jener, die ungeduldig die Frage seiner Nachfolge zu lösen wünschen und denen er kürzlich zurief: „Sie müssen mich schon noch bis auf weiteres ertragen!“, fand jetzt in Indien eine Parallele, als Ministerpräsident Nehru die Frage beantworten sollte, ob es nicht höchste Zeit sei, seinen „Thronfolger“ zu designieren. Nehru meinte darauf, daß diejenigen indischen Politiker mit Nachfolgeehrgeiz, die einen schnellen Wechsel wünschten, es hoffentlich bald müde würden, „auf die Zeit nach Nehru zu warten“. Der indische Regierungschef hatte mit dieser Antwort zwar – ebenso wie der deutsche Bundeskanzler mit seiner Erklärung – die Lacher auf seiner Seite; aber die offengebliebene Frage ist hüben und drüben viel zu ernst, als daß sie mit einer solch lässigen, Handbewegung vom Tisch gewischt werden könnte.

Die indische politische Öffentlichkeit beschäftigt sich deshalb in diesen Tagen vor allem mit Entscheidungen, die von besonderer Bedeutung sind: mit der Wahl des neuen Kongreß Präsidenten und der beiden stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Regierungspartei im Parlament. Den Posten des Kongreßpräsidenten haben in der Vergangenheit die prominentesten indischen Politiker bekleidet, Männer von nationalem Prestige wie Nehru selber oder der frühere Staatspräsident Dr. Prasad. Seit jedoch die Kongreßpartei – nach der Unabhängigkeit – ihre fähigsten Mitglieder an die Regierung in der Zentrale und in den einzelnen Provinzen abtreten mußte, hat das Amt des Parteiführers immer mehr an Bedeutung und der Präsident selber immer mehr an Format verloren.

Zum Kongreßpräsidenten wurde ein völlig unbekannter Politiker gewählt: Sanjivayya, der bisherige Chefminister der Provinz Andhra, den zwei Umstände besonders charakterisieren. Erstens ist er mit 41 Jahren Repräsentant einer Generation, der in Indien viel zu lange die Beteiligung an der politischen Verantwortung vorenthalten wurde. Zweitens gehört er zu jener Bevölkerungsgruppe, die man früher die „Unberührbaren“ nannte und der auch heute noch oft – im Widerspruch zur Verfassung – auf Grund ihrer angeblich niedrigen Geburt die völlige Gleichberechtigung versagt wird. Insofern hat die Wahl Sanjivayyas zum Kongreßpräsidenten sicher einen gewissen Symbolwert. Aber praktisch wird seine Bestallung mit dem höchsten Amt in der Regierungspartei bedeuten, daß die Parteiführung weiterhin völlig im Schatten Nehrus stehen wird – in einem Schatten, in dem sich kein „Kronprinz“ entwickeln kann.

Vollends enttäuschend war die Neuregelung der Stellvertretung Nehrus innerhalb der Parlamentsfraktion. Bis zum Tode des früheren Innenministers Pandit Pant amtierte dieser alte Freiheitskämpfer als Nehrus Stellvertreter; er besaß nicht nur nach dem Buchstaben der Parteiverfassung, sondern auch kraft seines eigenen Formats solche Autorität, daß er – wäre Nehru ausgeschieden – automatisch seine Nachfolge als Regierungschef angetreten hätte. Diese „Automatikder Nachfolge“ aber wurde von Nehru inzwischen beseitigt, indem er – unter Abänderung der Parteiverfassung – an Stelle des einen Stellvertreters im Parlament die Posten von zwei stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden im Unter- und im Oberhaus schaffen ließ, von denen keiner auch nur annähernd noch das Gewicht besitzt, das die Stellung Pandit Pants ausgezeichnet hat.

Ursprünglich wurden als Kandidaten für die Nachfolge Pants jene zwei Minister genannt, die nach allgemeiner Beurteilung auch am ehesten als Nachfolger Nehrus in Frage kämen, nämlich Finanzminister Moraji Desai und der neue Innenminister Lal Bahadur Shastri; aber weder sie, noch andere prominente Kongreßpolitiker haben sich danach gedrängt, das so abgewertete Amt der zweigeteilten Nehru-Stellvertretung im Parlament zu übernehmen. Und gewählt wurden schließlich zwei recht unbekannte Abgeordnete, die sich wahrscheinlich mit Sekretärsfunktionen begnügen werden.

Nehru hat zwar auf diese Weise das Problem der Diadochenkämpfe vertagt; aber den meisten politischen Beobachtern in Delhi erscheint es fraglich, ob es sich zum Vorteil für die indische Demokratie auswirken kann, wenn die im Grunde zur Nachfolge Nehrus qualifizierten Politiker „müde werden, auf die Zeit nach Nehru zu warten“.