Für sich allein genommen, lohnte der Film „Lolita“ nicht, daß man viel Aufhebens von ihm machte: Manchmal ganz witzig, nie besonders fesselnd, wäre er auch nicht besser oder schlechter als all die Lula- oder Lolu-Streifen, die unsere Kinoleinwände mit konventioneller Langeweile bedecken. Leider jedoch ist eine solche lässige Nicht-Betrachtungsweise nicht gestattet – denn gleichzeitig ist er die Verballhornung eines ihm zum Trotz bedeutenden Buches, das ohnehin Mißverständnissen genug ausgesetzt ist; eine Verballhornung, wie sie elender kaum vorgestellt werden kann.

Warum Nabokov dem doch von vornherein riskanten Unternehmen das Drehbuch schrieb und damit eine Art Beglaubigungszertifikat ausstellte, warum er sich diese Mißhandlung gefallen ließ, wird seinen Verächtern viel zu klar erscheinen und seine Bewunderer noch lange vor ein Rätsel stellen. „Ich wußte“, soll er nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins Newsweek gesagt haben, „wenn ich das Drehbuch nicht geschrieben hätte, dann hätte es ein anderer getan, und ich wußte gleichfalls, daß das Endergebnis in solchen Fällen weniger eine Kombination als eine Kollision von Deutungen zu sein pflegt.“ Ein fataler Irrtum, daß es ohne Kollision abgehen kann, wenn eine so eigensinnig individualistische Vorlage einem Film-Team in die Hände fällt.

Nicht, daß es hier indezent zuginge – die verfänglicheren Stellen werden alle brav umschifft; die Dämonen sind vertrieben, alles ist domestiziert, und Anstoß dürften nur die nehmen, die von dem Roman etwas halten.

Das fängt an mit der Besetzung. James Mason, der Humbert Humbert darzustellen vorgibt, ist keineswegs der düstere Liebhaber, der immerhin einiges auf dem Kerbholz hat, sondern ein etwas altmodischer, soignierter, treuherziger Professor der Literatur, dem zwei Frauen und ein Mann übel mitspielen. Unerfindlich, wie der in wenigen Sekunden einen Mordplan fassen und fast ausführen kann. Daß er an seiner von Anbeginn an hoffnungslosen Leidenschaft zugrunde geht, notwendig ist es nicht mehr, und mit einiger Überraschung erfährt es der Zuschauer, der sich bereits von seinem Platz erhoben hat, aus dem Nachspruch. Schon damit aber ist das Buch aus den Angeln gehoben.

Von dem Anlaß der meisten „Lolita“-Kontroversen ist wenig nachgeblieben. Was dem Humbert Humbert des Filmes vorgeworfen werden kann, ist allenfalls die Verführung einer Abhängigen. Sue Lyon, die Lolita, war vierzehn, als sie die Rolle übernahm; ihr Alter wird nicht genannt, aber sie sieht aus wie siebzehn oder achtzehn: kein Kind, kein zwölfjähriges Nymphchen mit kastanienbraunem Haar und mandelfarbener Haut, das sich seines verführerischen Charmes noch unbewußt ist, sondern eine frühreife Blondine, eine angehende Marylin Monroe, ein bißchen verderbt und ziemlich gerissen und jedenfalls nicht so kindlich, daß der Zuschauer für sie irgendein Mitgefühl aufbrächte. Daß sie, wie ein englischer Kritiker meinte, bisweilen älter wirkt als Humbert Humbert, ist sicher übertrieben – aber nichts erscheint normaler als das Interesse, das ihr die Männer entgegenbringen. Wo sie dann wirklich älter auszusehen hätte, viel zu alt für ihre inzwischen siebzehn Jahre, als die bebrillte und schwangere Mrs. Richard F. Schiller in dem ärmlichen Arbeiterviertel, in dem H. H. sie am Schluß aufspürt, hat sie sich kaum verändert. Daß man sie um ihre Jugend betrogen hat – nichts davon ist ihr anzusehen. Eher umgekehrt: sie betrügt Professor Humbert um sein Alter.

„(Den Roman) fand ich teilweise sehr schwer verständlich. Aber in ein paar Jahren würde ich es gern noch einmal versuchen, da er ja angeblich ein großes Kunstwerk ist“, soll Sue Lyon geäußert haben. Sie hat das Buch nie zu Ende gelesen. Eine Lolita liest „Lolita“ nicht.

Die krudeste Deutung mußte sich Lolitas Mutter gefallen lassen. Gewiß, Charlotte Haze, die der Humbert nur heiratet, um ihrem Töchterlein nahe zu sein, ist auch im Buch ridikül und kein großes Licht, aber dabei doch in gewisser Weise rührend in ihrer Schüchternheit und Traurigkeit; keinesfalls ist sie der gräßliche mannswütige Oktopus, den Shelley Winters hier vorzustellen hat. Der Film zeigt sie durchweg so, wie H. H. sie in seinen gehässigsten Augenblicken wahrnimmt; er läßt nichts davon merken, daß Humberts Blick erwachsenen Frauen gegenüber befangen ist.