Wenn der Whisky billig ist

Am letzten Sonntag krachten in Schneverdingen bei Soltau Dutzende von Fensterscheiben und bedeckten das Pflaster der Schulstraße. Autos wurden umgeworfen, Bänke, Zäune und Straßenlaternen zerstört."Zustände wie in Minden und Lemgo", sagten die Schneverdingen

In Minden sind NATO-Kameraden aus Schottland in der Elisabethkaserne untergebracht: "The Cameronians". Und schon am Eingang künden lackierte Holztäfelchen vom Sieg in den Schlachten des Ersten und Zweiten Weltkrieges an der Somme und am Rhein. Ein berühmtes Regiment. Bloß ein bißchen unruhig. Im Jahre 1961 gab es zwischen den Cameronians und den Mindenern 148 Fälle mangelnder Nächstenliebe. In diesem Jahr sind es bereits 65.

Beispielsweise: Da kehrt ein Arbeiter von der Nachtschicht heim, begegnet drei Schotten und landet im Krankenhaus. Oder zwei italienische Gastarbeiter kommen von der Nachtschicht, begegnen drei Schotten und landen in ärztlicher Behandlung. Oder es kommt wieder einmal zu einer Schlägerei in dem Nachtlokal Collosseum. Schwerer Sachschaden. Aber draußen werfen die unermüdlichen Cameronians auch noch einen Personenwagen um. Und von diesen und anderen Heldentaten dringt der Ruhm nach England. Also macht sich ein Fernsehteam des Independent Television nach Minden auf, interviewt den Bürgermeister Pohle (SPD) und filmt das Nachtlokal Collosseum. Dort beziehen die englischen "Filmfritzen" schottische Prügel, und dies sehen 1,5 Millionen Fernseher in England.

Na, jetzt ging’s erst richtig los! Die englischen Massenblätter sandten ihre Korrespondenten über den Kanal. Und wie eine Schar Heuschrecken fielen die Journalisten aus London über die westfälische Kleinstadt her. Sie blockierten die Telefonleitungen und Fernschreibverbindungen, mieteten alle vorhandenen Taxis. Aber die Cameronians schlugen zurück und verboten ihnen den Besuch der Kasernen.

So wurden die Zeitungsleute gezwungen, anstatt in Minden im nahen Städtchen Lemgo nach dem Rechten zu sehen. Beispielsweise: Sechs Angehörige der britischen Streitkräfte greifen einen Polizisten an. Oder: Ein Süßwarenautomat in Lemgo hat plötzlich keine süßen Waren mehr. Ein eiserner Fahrradständer fliegt in die Scheiben eines Cafés. Und alles dies geben die großen Londoner Zeitungen der Welt bekannt. Schon macht sich eine zwölfköpfige Delegation von Abgeordneten auf den Weg nach Lemgo und Minden. General Sir James Cassels, der Oberkommandierende der britischen Rheinarmee, reist dafür nach London und sagt den Teilnehmern der größten Pressekonferenz, die je im Kriegsministerium abgehalten wurde, folgende Worte: "Ich glaube nicht, daß mit der Rheinarmee etwas nicht in Ordnung ist."

Der General mit dem Spitznamen "Gentleman Jim" schob den Deutschen den "Schwarzen Peter" zu. Und wirklich hatte ein deutscher Gastwirt die randalierenden Schotten, die groß an Temperament, aber klein an Gestalt sind, "Giftzwerge" tituliert, "poison dwarfs" – so übersetzte eine Zeitung in Glasgow dieses ungeflügelte Wort. Auch war von einer englischen Dame die Rede, die von Deutschen angespuckt worden sei.

Eine englische Dame, der dies passiert war, konnten die englischen Journalisten in Minden nicht finden. Aber sie erfuhren, daß die Einwohner von Minden Westfalen seien und keine Bayern oder Schwaben. Das war denn auch recht lesenswert. Aber die Zeitungsleser in England erfuhren noch mehr.

Wenn der Whisky billig ist

Nur – sage und schreibe – 60 Mark verdienen die Cameronians pro Woche, während die gleichaltrigen Deutschen meist mehr verdienen. Andererseits sind die Schotten im Vorteil, sobald es sich um Whisky handelt: er kostet bloß sechs Mark pro Flasche in der Kantine. Das verstimmt natürlich, zumal die Mindener Mädchen sich wenig aus Whisky machen. Von 600 Cameronians sind nur 13 Soldaten mit Mindener Mädchen befreundet. Der Rest – 587 Mann – hat keinen Anschluß. Was will er machen? Der Rest betrinkt sich eben dann und wann und landet manchmal in den Arrestzellen im Keller der Kaserne.

General "Gentleman Jim" sagte: "Ich weiß wirklich nicht, ob ich persönlich etwas tun soll. Ich verlasse mich auf meine Offiziere."

Die Offiziere versammeln sich mit den Vertretern der deutschen Behörden auf einer Cocktailparty und tauschen Ehrenerklärungen über das ungetrübt gute Verhältnis zwischen Deutschen und Engländern aus. Wolfgang Löhde