R. S., Bonn,im Juni

Über Ulbrichts Kreditwünsche an die Bundesrepublik wurde bei dem Besuch des amerikanischen Außenministers Dean Rusk in Bonn nicht viel gesprochen. Rusk hat die Bundesregierung weder zu beeinflussen versucht, noch hat er nach Bonner Darstellung einen Druck auf sie ausgeübt. Er wartet ihre Stellungnahme ab. Solange aber über einige Punkte noch keine Klarheit besteht, wird die Bundesregierung nicht aus ihrer Reserve hervortreten.

Bisher ist nur bekannt, daß der Vertreter der „DDR“ bei den Interzonenhandels-Gesprächen, Behrendt, seinem Gesprächspartner aus Bonn, Leopold, mehrmals Kreditwünsche vorgetragen hat, ohne sie schriftlich zu fixieren. Nach seinen Mitteilungen möchte die Ulbricht-Regierung einen langfristigen Kredit zum Bezug von Steinkohlen aus Westdeutschland. Dafür soll der Bundesrepublik später Erdöl, voraussichtlich sowjetrussisches, im annähernd gleichen Wert geliefert werden. Die „DDR“ möchte weiter einen mittelfristigen Kredit zur Importfinanzierung von Industrieanlagen und Maschinen, und schließlich möchte sie einer kurzfristigen Kredit zum Bezug von Pharmazeutika und Lebensmitteln. Da es sich zusammen, wenn auch über fünf bis zehn Jahre verteilt, immerhin um Werte von ungefähr drei Milliarden DM handeln würde, entspräche eine schriftliche Darlegung dieser Wünsche den allgemein üblichen Gepflogenheiten. Dies um so mehr, als Ulbricht jetzt bereits den Hergang auf den Kopf stellt und behauptet, die Initiative in der ganzen Sache sei von Bonn ausgegangen.

Man stellt in Bonn in diesem Zusammenhang mancherlei Fragen. Sucht die Zone für die Lieferung der nun begehrten Güter eine neue Rechtsgrundlage, in der nicht mehr wie im Interzonen-Handelsabkommen die Warenlieferungen an die Freiheit der Zufahrtswege nach Westberlin gebunden wären? Oder möchte sie mit Hilfe der längerfristigen Kredite die Zahlungstermine hinausschieben? Mag sie nicht, wenn diese Termine eines Tages fällig sein werden, einen politischen Knall arrangieren, um sich dann der fällig werdenden Zahlung zu entziehen? Sollen irgendwelche politischen Zusicherungen mit diesen Krediten verknüpft werden? Und wenn nicht, so fragt man in der Bundeshauptstadt, welchen Reiz hätte das Milliardengeschenk, das wir schließlich geben sollen, für uns? Würde es nicht das Ulbricht-Regime festigen und aufwerten, ohne uns irgendeinen Vorteil zu bringen?

Bonn wird bestimmt so lange nichts unternehmen, als nicht die DDR klar und schriftlich zu erkennen gibt, was sie im einzelnen will und was sie dafür zu geben bereit ist. Das sollte indessen nicht bedeuten, daß die Bundesregierung sich ganz aufs Abwarten verlegt: Sie sollte Pankow drängen, sich zu erklären. Wenn nicht alles trügt, ist der Kontakt auch keineswegs unterbrochen.