Als John G. Diefenbaker 1957 mit überwältigender Mehrheit zum 13. Ministerpräsidenten Kanadas gewählt wurde, da sagte er voller Stolz und Erleichterung: „Das war wie in der Nacht von Waterloo!“ Damals konnte der Parteichef der Konservativen aufatmen: Nach einem harten Kampf hatte er die Liberalen aus dem Feld geschlagen. Ihm gebührte der Kranz des Siegers. Und auch für das folgende Jahr behielt dieser befreiende Ausspruch noch seine Gültigkeit: 1958 führte Diefenbaker die Konservativen als stärkste Partei in das Unterhaus von Ottawa.

Nun aber, nach einer Regierungszeit von fünf Jahren, erlebte Diefenbaker sein anderes Waterloo, als Verlierer. Nach den Wahlen, die in der vergangenen Woche abgehalten wurden, büßte seine Partei ihre bislang unangefochtene Vormachtstellung im Parlament ein. Die Konservativen verloren neunzig Sitze und sind dort jetzt nur noch mit 118 Abgeordneten vertreten.

Anlaß zum Jubel haben diesmal die Oppositionellen, allen voran die Liberalen unter dem Friedens-Nobelpreisträger und UN-Diplomaten bester B. Pearson, gefolgt von der rechtsstehenden Sozialkreditpartei mit Robert N. Thompson an der Spitze, einem ehemaligen Lehrer und Missionar, der viele Jahre in Äthiopien arbeitete.

Freilich war Diefenbaker auch diesmal, in der Stunde seiner bisher schwersten Niederlage, mit einem Wort zur Hand, das jedes Mißverständnis beseitigen sollte: „Noch immer repräsentieren wir die Regierung Kanadas!“ Wie weiland der frühere Premier Mackenzie King, so will auch er Regierungschef bleiben, selbst in einem Minderheiten-Kabinett.

Indessen ist Kanadas angeschlagener Premier zumindest für die nächsten Monate nicht gezwungen, allein auf die Unterstützung seiner „übriggebliebenen“ Parteifreunde im Unterhaus zählen zu müssen. Der Überraschungssieger dieser Wahl, Bob Thompson, leistete Diefenbaker spontan und unerwartet Schützenhilfe. Vor den Fernsehkameras erklärte er kurz nach der Schlacht, in dieser Stunde, da das Land in einer Krise stecke, müßten alle parteipolitischen Sonderwünsche unter den Tisch geschoben werden. Es gelte, zusammenzustehen, um Kanada wieder zu Ansehen in der Welt und zu Wohlstand zu verhelfen. „Von einer Koalition“, so stellte der Führer der kanadischen Poujadisten eindeutig klar, „kann allerdings keine Rede sein. Wie auch könnte einer auf den obskuren Einfall kommen, Wasser mit Öl zu mischen. Eine Emulsion ist das äußerste, was in dieser Situation möglich ist.“

So wird also Diefenbaker, wenn Thompson Wort halten sollte, mit der stillschweigenden Billigung der Sozialkreditpartei vorerst weiter schalten und walten können. Auch das ist eine der Überraschungen dieser an Seltsamkeiten reichen Wahl.

Diefenbaker hatte sie verloren, nicht weil er sich etwa als ein Autokrat aufgespielt hätte. Er wurde geschlagen, weil es ihm mißlungen war, dem Kapitalabfluß, der Abwertung des Geldes, der Arbeitslosigkeit, dem Exportrückgang rechtzeitig und wirksam Einhalt zu bieten. Seine Gegner im Parlament hatten ihn die „schleichende Inflation“ und obendrein die Verstimmung zwischen Washington und Ottawa angekreidet. Und wie das Wahlergebnis zeigte, hatten sie damit mitten ins Schwarze getroffen.