Das internationale Modeverbrechen unseres Jahrzehnts – für gestohlene Bilder Lösegeld zu fordern – raubt den Kunstkennern den Schlaf und den Museumskuratoren die Fassung. In knapp drei Jahren haben Diebe, angereizt durch die beispiellos hochgetriebenen Bilderpreise, aus Kunstgalerien und Privatsammlungen Meisterwerke im Wert von über 40 Millionen Mark gestohlen. Ihr Tätigkeitsfeld reicht von Pittsburgh bis Palermo, von London bis Los Angeles, von Mailand bis Berlin. Für mehr als die Hälfte ihrer Beute haben sie vermutlich Lösegeld gefordert.

Die bevorzugte Domäne der neuartigen Verbrecherzunft ist die reiche französische Riviera. Hier kam es am 1. April 1960 früh um zwei zu der ersten sensationellen Bilderentführung, und zwar in der Auberge de la Colombe d’Or, dem „Gasthaus zur Goldnen Taube“ im mittelalterlichen Bergstädtchen Saint-Paul-de-Vence.

Die Colombe d’Or genießt einen eigenartigen Ruhm. Ihr verstorbener Besitzer, Paul Roux, war mit einigen der größten Maler der Gegenwart befreundet und hatte sein kleines Gasthaus mit Gemälden vollgepfropft. In der Bar hängte er Bilder von Utrillo auf, im Gesellschaftszimmer Werke von Matisse, im Treppenhaus Gemälde von Picasso. Und im Speisesaal leuchten Malereien von Chagall, Rouault, Braque, Dufy, Miró, Modigliani und Léger von den Wänden.

In jener Aprilnacht – der Regen trommelte auf die Dachziegel – war der prächtige Schatz nur von einem verschlafenen Hund bewacht; zum Schutz gegen Einbrecher hatte die Witwe Roux Stühle mit der Lehne unter die Türklinke geklemmt.

Aus dem Tal schlich sich ein unbeleuchteter Wagen herauf. Drei Mann stiegen aus, lautlos auf weichen Sohlen: ein arbeitsloser Barmixer aus Nizza und zwei kleine Ganoven aus Korsika. Sie sprangen über die Gartenmauer, brachen einen eichenen Fensterladen auf, schlüpften in den Speisesaal und glitten behende von Bild zu Bild. Als sie davonfuhren, hatten sie 20 Gemälde bei sich. Gesamtwert: zweieinhalb Millionen Mark.

Als Madame Roux einige Stunden später den Raub entdeckte, lagen die Gemälde bereits in einer Wohnung an der eleganten Promenade des Anglais in Nizza versteckt. Während die Polizei die ganze Riviera abkämmte, brachte das gerissene Trio die Beute erst in einen verlassenen Schuppen und dann in ein herrenloses Kastell.

Bei Francis Roux, dem Sohn und Erben des verstorbenen Gastwirts, liefen Briefe ein, die für die Rückgabe der Gemälde Geld verlangten. Der erste forderte 80 000 neue Francs, der zweite 150 000. Roux dachte gar nicht daran, sich den Erpressern zu fügen. Er übergab die Briefe, die für den Fall der Ablehnung mit der Zerstörung der Bilder drohten, kurzerhand dem Polizeipräsidium in Marseille.