Von Gisela Gramenz

Die Frage mußte wohl endlich kommen: „Was ist das, ein moderner Garten?“ Gibt es ihn überhaupt? Wie sieht er aus oder: wie könnte er aussehen? Man spricht mit aller Selbstverständlichkeit von moderner Kunst, moderner Plastik, moderner Architektur, man sagt zweckmäßig, funktionell, abstrakt, erwähnt „konstruktive Ehrlichkeit“. Aber der Garten?

Geht man durch die neuen Wohngebiete unserer Städte – dort, wo wirklich „Garten stattfindet“ und nicht nur „Stadtlandschaften durchgrünt“ werden, wie es so schön heißt –, was findet man? All dies: Farbenprächtige Blumenrabatten auf sorgfältig abgezirkelten oder kurvenreich geschwungenen Beeten; dichte, „lauschige“ Hecken, meist aus vielerlei Blütensträuchern wild verwuchert, manchmal streng gestutzt; Bäume in möglichst bizarren Formen und Farben, von der vielgeliebten Blautanne über die Trauerweide und die möglichst rotlaubige Hängebuche bis zum Modebaum der „modernen“ Gartenbesitzer, dem Hirschkolben-Sumach oder Essigbaum, der mit seinem grotesken Astwerk in entlaubtem Zustand fast wie eine abstrakte Eisenplastik wirkt.

Man findet Miniatur-Seerosen in Miniatur-Teichen oder Schwimmbecken in vielen Nieren-Steinformen; Steingärtchen, stolz „Alpinum“ gerannt (knapp meterhohe Erdhügel, die mehr einem gespickten Hasenrücken als einer kleinen Gebirgslandschaft gleichen); selbstverständlich weite Rasenflächen, dazu mancherlei Gartenschmuck wie mosaikfunkelnde Springbrunnen, Wasser speiende Frösche, delphinreitende Knaben und „Bambis“ und trinkende Vögel, von einer eifrigen Industrie naturgetreu aus Ton gebacken, im Dutzend billiger für diejenigen, die die ebensooft vertretenen Gartenzwerge verachten ...

Eine Aufzählung, die noch lange nicht zu Ende ist, die aber doch schon zeigt, was sich, von der Straße aus gesehen, im „modernen Garten“ abspielt. Neben viel Repräsentation viel Romantik, .viel Rührendes, stimmungsvolle Bilder, dornröschenhaft Verwunschenes oder pseudo-moderner Glamour, manchmal auch noch Praktisch-Nüchternes in Gestalt von Obstspalieren und Salatköpfen (Garten als Hobby) – aber keine klar erkennbare Form, keine künstlerische Gestaltung, die der modernen Kunst und der modernen Architektur adäquat wäre. Der moderne Garten bat seine Form noch nicht gefunden.

Hier muß ich einhalten und ein Erlebnis erwähnen. 1959 stand ich fassungslos in der Züricher Gartenbau-Ausstellung – im „Garten des Poeten“. Er war der am meisten diskutierte, aber auch am meisten mißverstandene Teil der Ausstellung. Um ein Haar hätte man ihn sogar noch kurz vor der Eröffnung wieder weggeschaufelt – ein Zeichen, daß auch die Kollegen von der Zunft damit nicht ganz ins reine kamen.

Der „Garten des Poeten“ bestand aus drei ungleichen, mit Rasen bewachsenen Pyramiden, die um ein rechteckiges Wasserbecken angeordnet waren; dazu einige Wege, mit Betonplatten gepflastert, niedrige Betonmauern und – als einziger Farbfleck – eine Betonschale mit Pelargonien.