Von Kurt Wendt

In den letzten Monaten sind Löhne und Gehälter auf breiter Front gestiegen. Die Preise haben sich ebenfalls nach oben in Bewegung gesetzt. Vom Mai 1961 bis zum Mai 1962 wuchsen die Lebenshaltungskosten um über 4 Prozent. Ein Ende dieses Anstiegs ist noch nicht abzusehen, besonders nicht auf dem Gebiet der Ernährung. Nur etwas ist seit nahezu zwei Jahren immer billiger geworden, nämlich die Aktien. Dabei sollte sich doch eigentlich die Anlage in Aktien als kaufkrafterhaltend erweisen. Zweifellos haben die Börsenereignisse im Mai und im Juni dieses Jahres an dem Vertrauen, das bislang breite Sparerkreise in die Aktie setzten, gezehrt. Die Börse ist ihnen unheimlich geworden. Immerhin gibt es eine große Gruppe von Anlegern, die sich durch die überstürzte Baisse-Bewegung nicht erschüttern ließ. Das waren die Investment-Sparer; sie haben in der Regel an ihren Papieren festgehalten. Der Rückfluß der Zertifikate war bei den deutschen Fonds gering. Einzelne Fonds verzeichneten sogar in den kritischen letzten Monaten einen – wenn auch nur geringen – Absatz-Überschuß. Inzwischen ist an den deutschen Börsen eine etwas bessere Stimmung eingekehrt. Zeigt sie den so sehnsüchtig erwarteten Tendenzumschwung oder kennzeichnet sie nur eine größere Widerstandsfähigkeit? Zu einer einheitlichen Beurteilung hat man sich noch nicht durchringen können.

Das Kursniveau der deutschen Aktien lag nach Abschluß des ersten Halbjahres 1962 auf dem Stand von Mitte 1959. Seit dem Spätsommer 1960 ist es mit Unterbrechungen ständig abwärts gegangen. Heute können wir sagen, daß die Börse den tatsächlichen Konjunkturverlauf richtig vorweggenommen hat. 1959 zeichnete sich das Nachkriegsrekordjahr 1960 ab. Produktion, Umsätze – und Gewinne stiegen. An Optimismus war kein Mangel. Spätestens im Herbst 1960 kamen die ersten Zweifel an der Aufrechterhaltung der bisherigen Wachstumsraten. Wie sich rückwirkend herausgestellthat, fürchtete. man zu recht, daß sich das Rekordjahr 1960 nicht wiederholen würde. Mit der DM-Aufwertung im Frühjahr 1961 wurde schon sichtbarer, wohin die Reise gehen würde. Seitdem hat sich in der Wirtschaft – insgesamt gesehen – insofern eine Abkühlung vollzogen, als die Gewinnmargen von vielen Seiten unter Druck genommen wurden. Die Gewinne stiegen nicht mehr, nur noch die Umsätze. Alle Rationalisierungserfolge, alle Umsatzsteigerungen wurden entweder durch niedrigere Preise (besonders im Export) oder durch höhere Kosten (in erster Linie auf dem Personalgebiet) verkleinert.

Diese Börsenentwicklung vollzog sich zunächst im Schatten dramatischer politischer Ereignisse. Die Zuspitzung der Berlin-Krise – auch von der Börse zeitlich vorweggenommen – brachte im Sommer 1960 den Anstoß für die Tendenzwende. Damals begannen die Ausländer mit dem Abzug ihres Kapitals aus der Bundesrepublik. Das heiße Geld trat den Rückzug an. Teilweise wurde es in US-Aktien angelegt, die von der europäischen Aktienhausse „verschont“ geblieben waren. Die sich abzeichnende Kennedy-Ära wurde mit Vorschußlorbeeren bedacht, offenbar etwas zu reichlich, wie sich indessen herausgestellt hat. Heute sind an den deutschen Börsen die außenpolitischen Faktoren in den Hintergrund getreten. Die Berlin-Krise gilt zwar noch keineswegs als überwunden, doch nimmt man nicht an, daß es – von Berlin ausgehend – zu einer krisenhaften Entwicklung kommen wird.

Zu Beginn des börsenmäßig erfreulich begonnenen zweiten Halbjahres 1962 wird allerorts Bilanz gemacht. Dabei dreht sich alles um die Frage, inwieweit jene Faktoren, die zu dem raschen Niedergang der Kurse im ersten Halbjahr geführt haben, auch in der Zukunft noch wirksam sein werden. Daß es bei einem derart diffizilen Problem keine einheitliche Auffassung geben kann, ist verständlich. Immerhin scheint erfreulich zu sein, daß es überhaupt unterschiedliche Meinungen gibt. Es wird jedenfalls heute nicht mehr einheitlich pessimistisch beurteilt.

Klar scheint zu sein, daß wir – konjunkturell gesehen – den Tiefstand noch nicht erreicht haben. Die Statistiken über Produktion und Auftragseingänge lassen zwar unterschiedliche Interpretationen zu, doch können Abkühlungstendenzen kaum verheimlicht werden. Für die Börsenbeurteilung ist es wichtig festzustellen, daß die Mehrzahl der Bilanzen für 1962 eine weitere Einengung der Gewinnmarge erwarten lassen. Sie werden schlechter ausfallen als die 1961er Bilanzen. Mit Dividendenkürzungen muß gerechnet werden.

Man sollte sich aber davor hüten, die Situation der deutschen Industrie generell als „katastrophal“ zu betrachten, wie es manchmal im Zusammenhang mit den Kursstürzen der vergangenen Monate geschehen ist. Die Mehrzahl der Unternehmen wird auch bei eingeengten Gewinnspannen in der Lage sein, gute Dividenden zu zahlen, ihre Abschreibungen zu verdienen und auch noch Reserven zu bilden. Nur mit dem Wachstum im bisherigen Ausmaß ist es vorbei. Das Brot wird künftig härter verdient werden müssen. Es kann nicht ausbleiben, daß die Unternehmen in der Folge auch härter in der Tarifpolitik sein müssen. Bisher gingen sie den Weg des geringsten Widerstandes, hielten Lohnfrieden und versuchten (meist mit Erfolg), die Lohnmehrkosten auf die Preise abzuwälzen. Dabei waren es nicht so sehr die höheren Löhne, die zu schaffen machten, sondern noch vielmehr die verkürzte Arbeitszeit, welche die Rentabilität der Unternehmen ungünstig beeinflußte. Vieles deutet darauf hin, daß auch die Gewerkschaften die veränderte Situation richtig beurteilen. Deshalb darf man hoffen, daß die allgemeine Lohn- und Gehaltswelle ihren Höhepunkt überschritten hat und daß sich im kommenden Jahr in dieser Hinsicht nicht mehr allzuviel tun wird. Eine leichte Entspannung auf dem Arbeitsmarkt würde das ruhigere Tarifklima begünstigen.