Hier muß das Buch wieder einmal in freudloses Licht gerückt werden – in das des Kommerzes. Es geht um das Verhältnis zwischen Verlag, Buchgemeinschaft und Sortiment.

Wer gleichzeitig ein Auge auf die Kataloge der Buchgemeinschaften und auf die Auslagen der Buchhändler hat (zugegeben, das ist bei wenigen der Fall), der konnte in der letzten Zeit feststellen, daß ihm hier wie dort immer häufiger das gleiche angeboten wurde: Bücher, die kaum auf dem „regulären“ Buchmarkt erschienen waren, tauchten auch schon in irgendeiner Buchgemeinschaft auf, meistens in identischer Ausstattung, höchstens mit einem anderen Schutzumschlag versehen – und um ein Drittel oder die Hälfte oder mehr billiger.

Aus den laufenden Katalogen zweier Buchgemeinschaften seien aufs Geratewohl einige Beispiele herausgegriffen. Der Bertelsmann Lesering, mit annähernd drei Millionen Mitgliedern die größte Organisation seiner Art („Ein unterhaltsames Buch für die Mußestunden sollte nirgends fehlen“), offeriert seinen Mitgliedern zum Beispiel des Polen Jerzy Andrzejewski Roman „Asche und Diamant“, im November 1961 bei Langen-Müller herausgekommen; er kostet im Buchhandel 14,80 DM, bei Bertelsmann 7,70 DM. R. C. Sheriffs Zukunftsroman „Der Mond fällt auf Europa“, ebenfalls im Herbst 1961 erschienen, und zwar bei Rütten & Loening, kostet bei Bertelsmann 7,70 DM, regulär etwa das Doppelte. John Dos Passos’ Roman „1919“ (allerdings auch in den dreißiger Jahren schon einmal erschienen) kam vor ein paar Wochen erst bei Rowohlt heraus; heute ist er bereits bei Bertelsmann zu haben, für 9,90 DM gegenüber 18,50.

Oder um einen Blick in einen anderen Buchgemeinschaftskatalog zu werfen, den des Europäischen Buchklubs („Dem Wunder des Lesens kann sich kein Buchfreund entziehen“), einer Firma mit relativ hohem Niveau; da wird den Mitgliedern Horst Bingels Anthologie „Deutsche Lyrik seit 1945“ offeriert, im Oktober 1961 in der Deutschen Verlagsanstalt erschienen, hier für 9,40 anstatt 16,80 DM zu haben. Das graphische Werk Georges Braques kostet 32,90 DM anstatt 45,– DM; die Originalausgabe erschien 1961 bei Hatje. Als besondere Attraktion rot gedruckt figurieren Pablo Picassos Stierkampfzeichnungen „Toros y Toreros“; sie erschienen erst im April dieses Jahres zum Preis von 98,– DM bei DuMont Schauberg; Mitglieder des Europäischen Buchklubs und ihre Verwandten und Bekannten können sie dreißig Mark billiger haben.

Die sechs Beispiele mögen genügen. Es fiele nicht schwer, sie zu vermehren.

Nun ist es keinem Bücherkäufer zu verdenken, wenn er sich die billigste Einkaufsquelle sucht – ohne Rücksicht auf den Sortimentsbuchhändler. Keiner Buchgemeinschaft ist es zu verdenken, daß sie mit möglichst attraktiven Programmen Kunden anlocken möchte – und ihr verlockendster Appell ist immer noch der an die Genugtuung des Käufers: Da habe ich einen günstigen Kauf gemacht! Und endlich kann man es auch verständlich finden, wenn ein Verleger möglichst schnell zu Nebeneinnahmen kommen will – zum Beispiel, indem er sich beeilt, seine Bücher an Buchgemeinschaften weiterzuverkaufen.

Seine Rechnung mag noch aufgehen: Was er im Sortimentsbuchhandel einbüßt, fließt ihm als Lizenzgebühr von den Buchgemeinschaften zu. Auf den ersten Blick scheint es, als sei der Buchhändler, dem die Kunden davonlaufen, der einzige Leidtragende. Aber auch nur auf den ersten Blick.