Konrad Adenauers Reise durch Frankreich

Von Josef Müller-Marein

Man mag das eine oder das andere tun: man mag den genialen Sinn de Gaulles für Regie und Ausstattung bewundern oder aber bespötteln – in jedem Falle tut man Recht und Unrecht zugleich. De Gaulles Inszenierung des Adenauer-Besuchs in Frankreich war in der Tat ein Meisterstück. Und der Hauptdarsteller spielte seine Rolle, die ihm auf, den Leib geschrieben war, vorzüglich: die „Rolle seines Lebens“, so heißt es ja wohl im Theaterjargon. Er „verpatzte“ nichts, wenn er auch eine kleine, im Spielplan vorgesehene Szene verpaßte: den Besuch der Kathedrale von Beauvais; er war einen Augenblick lang zu abgespannt, zu müde, der alte, sechsundachtzigjährige Mann, der sich auf dem Wege von Rouen nach Bordeaux befand.

Überall von einigen bewundert; überall von anderen bespöttelt; von niemandem gehaßt. Die bloße Bewunderung des Schauspiels aber war zu naiv. Ein Zauberstab, mit beschwörender Geste geschwungen, vermag offene Wunden nicht im Nu zu heilen; in Wirklichkeit waren die Wundmale längst vernarbt. Aber auch der bloße Spott, so geistgewandt und witzig er sich hier und dort, in Frankreich, in Deutschland, im freundlichen oder unfreundlichen Ausland gebärdete – er ging fehl; er mußte fehlgehen, weil der Sinn der Kanzler-Reise durch Frankreich viel mehr bedeutete als die feierliche Begegnung de Gaulles und Adenauers, mehr als Fahnen, Reden, Trinksprüche, mehr als Gelegenheit zu politischen Gesprächen um Europa, NATO, force de frappe und Ost-West-Konflikt. Dies wahrzunehmen, war nicht so sehr eine Frage des (sich allzu rasch begeisternden) Temperaments oder (der allzu scharf beobachtenden) Intelligenz – ich spreche hier von den Zeugen der Kanzler-Fahrt – als vielmehr des Niveaus.

Bewundert, bespöttelt, doch nicht gehaßt. Wirklich, nirgendwo gehaßt, dieser Adenauer? Und die faule Tomate, die in Paris gegen sein Wagenfenster klatschte, nur Zentimeter weit entfernt von seinem Kopf?

In Bordeaux steh’ ich abends an der Theke einer Kneipe. Kommt ein leicht angetrunkener älterer Stammgast ’rein, flucht zum Steinerweichen. „Kaum zwanzig Jahre vorbei – da sind sie schon wieder, die verdammten Boches!“ – „Pardon, Monsieur, moi aussi je suis un boche!“ Ein Hinweis, der sich nicht vermeiden ließ, weil längst heraus war, daß ich Deutscher sei. „Oh pardon“, sagt er und lüftet seinen Hut, „tout le monde peut se tromper!“

Darauf gerät der Mann, der da also etwas wie „Irren ist menschlich“ sagte, derart in den Mittelpunkt bissiger Diskussion, daß er schließlich zugibt, die ganze Demonstration seiner, der kommunistischen Partei, sei ein schrecklicher Reinfall gewesen. Zwar haben sie bei der Ankunft Adenauers in Bordeaux wacker, wenn auch spärlich, protestiert wie in Paris, wie ebenfalls in Rouen, und leider haben einige dabei den Knüppel der Polizisten spüren müssen, was fürwahr kein festlicher Anblick war. Aber in diesen Augenblicken wurde bloß die Polizei gehaßt, nicht Adenauer, von dem alle durch die Zeitungen erfahren hatten, daß er nach seinen Erlebnissen, nach seinem Gefängnis im „Dritten Reich“ sehr wohl berechtigt gewesen wäre, sich ebenfalls in die Reihe der ehemaligen Gestapo-Gefangenen zu stellen, die verstohlen ihre Schilder zeigten: „Nieder mit der SS.“