In der tschechoslowakischen Führung kriselt es; in Prag wird, wie die Londoner „Sunday Times“ berichtet, sogar von einer bevorstehenden Absetzung des Partei- und Staatsführers Antonin Novotny gesprochen. Gleichzeitig soll der langjährige Gegenspieler Novotnys, Rudolf Barak, der im April zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt worden war, aus der Haft entlassen werden. Dies sind die Hintergründe der Prager Krise.

Die tschechoslowakische Partei- und Staatsführung ist keineswegs einheitlich und monolithisch. Seit geraumer Zeit bestehen innerhalb der Partei und ihrer Führung ernste Kontroversen über Ausmaß und Tempo der Entstalinisierung in der Tschechoslowakei – darunter auch über die Frage, ob es ratsam und notwendig sei, eine Revision des berüchtigten Slansky-Prozesses vom Dezember 1952 vorzunehmen. Dabei kommt der „Barak-Affäre“ eine besondere Bedeutung zu – jenem langjährigen Konflikt zwischen dem Stalinisten Antonin Novotny und dem elf Jahre jüngeren Reformkommunisten Rudolf Barak.

Beide, Novotny wie Barak, sind kommunistische Parteifunktionäre. Aber nach Typ, Charakter und Parteikarriere könnten sie kaum unterschiedlicher sein. Novotny, seit 1921 Parteimitglied, begann seinen Aufstieg während der Stalin-Ära; schon im Sommer 1935 gehörte er der tschechoslowakischen Delegation auf dem VII. Kongreß der Kommunistischen Internationale an. Die Kriegsjahre verbrachte Novotny im Konzentrationslager Mauthausen; nach Kriegsende übernahm er die Leitung der Prager Parteiorganisation und rückte 1946 zum Mitglied des Zentralkomitees auf. Ausgerechnet in den letzten Jahren der Stalin-Ära gelangte er in die Führungsspitze: Seit 1951 gehört er gleichzeitig dem ZK-Sekretariat und dem Politbüro an. Ohne Zweifel trägt Novotny am berüchtigten Slansky-Prozeß und den damaligen Massenverhaftungen ein gerüttelt Maß an Schuld. Im September 1953 wurde er Erster Parteisekretär; seit November 1957 ist er gleichzeitig tschechoslowakischer „Staatspräsident“. Hauptinhalt seiner politischen Tätigkeit war es stets, die Entstalinisierung, die Abrechnung mit dem Stalin-Terror und die Rehabilitierung der Opfer zu umgehen.

Gerade darüber aber geriet Novotny mit dem 47jährigen Rudolf Barak in Konflikt. Barak war erst 1945 in die Partei eingetreten und kann für die Stalin-Periode eine „reine Weste“ vorweisen; von 1950 bis 1952 war er Vorsitzender des Kreisnationalausschusses in Brünn und erst seit Dezember 1952 Kandidat des Zentralkomitees. Seine Karriere begann erst nach dem Tode Stalins: Am 20. März 1953, kaum zwei Wochen nach dem Tod des sowjetischen Diktators, wurde er stellvertretender Ministerpräsident; Mitte Dezember 1953 erhielt er zusätzlich das Innenministerium übertragen; im Juni 1954 wurde er Mitglied des Politbüros.

Als Vorsitzender der Kommission zur Überprüfung politischer Prozesse erhielt Barak mehr als jeder andere Einblick in die grauenhaften Vorgänge, die sich von 1948 bis 1953 in der Tschechoslowakei abspielten. Nach glaubwürdigen Berichten hat er sich wiederholt für eine weitgehende Amnestie und Rehabilitierung eingesetzt; manchen unschuldig Verurteilten verhalf er wieder zur Freiheit. Aber Barak wollte mehr: Er wollte die öffentlichte Verurteilung des Slansky-Prozesses vom Dezember 1952. Diese Forderung stieß bei Novotny aus begreiflichen Gründen nicht auf Gegenliebe, brachte Barak aber die Sympathien vieler einfacher Parteimitglieder und nicht weniger Menschen außerhalb der Partei ein. Manche sahen in ihm schon einen „tschechoslowakischen Gomulka“.

Darin witterte Novotny Gefahr. Schritt für Schritt bereitete der Prager Parteiführer seinen Schlag gegen Barak vor. Zunächst ließ er durch Flüsterpropaganda verbreiten, Barak führe ein „bourgeoises Leben“. Nach dieser psychologischen Vorbereitung wurde Barak am 24. Juni 1961 seines Postens als Innenminister enthoben und zum Vorsitzenden einer Regierungskommission für die örtlichen Nationalausschüsse degradiert.

Mitten in diesen Zweikampf Novotny–Barak fiel der XXII. Sowjetische Parteitag. Nach den neuerlichen Moskauer Enthüllungen über die Verbrechen der Stalin-Ära schöpften die Reformkräfte in der Tschechoslowakei frische Hoffnung, daß nun auch im eigenen Land die Entstalinisierung sei. Aber Novotny – in dieser Beziehung Ulbricht sehr ähnlich – wußte dies zu verhindern. Das tschechoslowakische Zentralkomitee beschloß nach dem Referat Novotnys lediglich, das 6000 Tonnen schwere Stalindenkmal in Prag abzutragen.