Von Alfred Michaelis, New York

Die amerikanische Bevölkerung nimmt gegenwärtig um etwa 3 Millionen jährlich zu. Wenn von den ins Erwerbsleben eintretenden jungen Jahrgängen der Ausfall an Beschäftigten in Abzug gebracht wird, die durch Alter, Tod und infolge Familiengründung (weibliche Arbeitskräfte) aus dem Arbeitsleben ausscheiden, so verbleibt ein jährlicher Nettozugang von annähernd 1 1/2 Millionen Arbeitssuchenden, die im Wirtschaftsleben Unterkunft finden müssen.

Auf der anderen Seite verringert die durch die steigenden Löhne vorwärtsgetriebene Automatisierung ständig den Personalbedarf der amerikanischen Wirtschaft. Die Automatisierung wirkt sich am stärksten in der Industrie aus, aber sie hat auch den Bedarf an landwirtschaftlichen Arbeitskräften stark reduziert und macht sich im Transportwesen, im Bergbau, in den Verwaltungen wie auf vielen anderen Gebieten geltend. Das Ausmaß der Freisetzung ist ziffernmäßig schwer zu erfassen. Man weiß, daß die Zahl der von den Eisenbahnen Beschäftigten bei ungefähr gleichgebliebener Transportkapazität von 1,2 Millionen im Jahre 1950 auf 780 000 im letzten Jahre zurückgegangen ist. Der Kohlenbergbau kann heute annähernd die gleiche Menge Kohle wie im Jahre 1950 mit einer auf den dritten Teil reduzierten Belegschaft produzieren. In der Mineralölwirtschaft, in der Stahl- und Automobilindustrie wie in fast allen anderen Industriezweigen wird heute eine gegenüber 1950 wesentlich erhöhte Produktion von einer substantiell verringerten Arbeiterzahl geleistet.

Präsident Kennedy hat vor einiger Zeit in einer Pressekonferenz erklärt, daß die innenpolitische Hauptaufgabe, vor die das Land für die Dauer der nächsten zehn Jahre gestellt ist, darin besteht, in jeder Woche für 25 000 Menschen neue Arbeitsplätze zu finden, die durch die Automatisierung aus dem Arbeitsprozeß ausgeschaltet werden. Diese Ziffer läuft auf eine jährliche Freisetzung von 1,3 Millionen Arbeitern durch Automatisierung hinaus. Etwa zur gleichen Zeit hat ein hoher Beamter des Arbeitsministeriums geäußert, daß der Präsident den Ernst der Lage unterschätze: Es würden nicht nur 25 000, sondern 35 000 Menschen wöchentlich durch arbeitssparende Maschinen beschäftigungslos. Nach dieser letzteren Schätzung stellt sich die jährliche Freisetzungsziffer sogar auf 1,8 Millionen Menschen. Im Durchschnitt beider Schätzungen kann angenommen werden, daß die Automatisierung jedes Jahr rund 1 1/2 Millionen Menschen um ihren Arbeitsplatz bringt.

Während also jährlich annähernd 1 1/2 Millionen Menschen aus dem Bevölkerungszuwachs auf den Arbeitsmarkt strömen, verringert sich seine Aufnahmefähigkeit durch die Automatisierung um die gleiche Ziffer. Mit anderen Worten: Es müssen in den Vereinigten Staaten jährlich 3 Millionen Arbeitsplätze durch Expansion der Wirtschaft geschaffen werden, um den Bevölkerungszuwachs aufzunehmen und die Auswirkung der Automatisierung abzufangen. Darin besteht die große „Herausforderung“ des Jahrzehntes, von der Kennedy gesprochen hat.

Die chronische Arbeitslosigkeit der letzten Jahre in Höhe von etwa 4 bis 5 Millionen beweist, daß es nur teilweise gelungen ist, dieser Herausforderung erfolgreich zu begegnen. Der Bevölkerungszuwachs, der auf der einen Seite den Arbeitsmarkt stark belastet, bringt andererseits einen sich erhöhenden Konsumgüterbedarf mit sich, der Arbeitskräfte in Anspruch nimmt. Im übrigen ist es vor allem der Sektor der sogenannten „Dienstleistungs Wirtschaft“, der sich in starker Expansion befindet und einen Teil der durch Automatisierung Freigesetzten aufnimmt. Bei einem weiter stagnierenden oder sich nur langsam entwickelnden Wirtschaftsvolumen ist jedoch zu befürchten, daß die strukturelle Arbeitslosigkeit eine Zunahme erfahren wird. In günstigen Konjunkturperioden reduziert sie sich nicht in genügend starkem Maße, während sie in Rezessionsperioden den früheren Höchststand zu überschreiten tendiert.

Die Regierung und die Gewerkschaften sind sich darüber einig, daß nicht nur ein weiteres Anwachsen der strukturellen Arbeitslosigkeit unter allen Umständen vermieden, sondern auch eine Reduktion ihrer gegenwärtigen Höhe angestrebt werden muß. Auf eine vollständige Überwindung der Arbeitslosigkeit wagt in Anbetracht der Umstände niemand zu hoffen. Hinsichtlich der wirtschaftspolitischen Methoden zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit hat sich zwischen den Gewerkschaften und der Regierung jedoch eine Kluft aufgetan, die trotz an sich guter Beziehungen zu ernsten Konflikten zu führen droht.