Das Gold-Hobby des Doktor Schmidt – Rechtsstreit um nachgeprägte Reichsgoldmünzen

Bonn

Vormittags betreut der gelernte Augenarzt Karlheinz Schmidt in Bonn seine Patienten. Nachmittags pflegt er ein Steckenpferd, für das der scharfe Blick des Augenarztes nicht minder wichtig ist: Am selbstgefertigten Prägestock produziert er alte Goldmünzen. Da wiegt er Gold und Kupfer, erhitzt die Metalle im Tiegel, läßt sie schmelzen, rührt sie um und gießt sie aus. Die Masse wird gewalzt und geglüht bis sie die entsprechende Dickte hat. Dann stanzt Dr. Schmidt kleine Rondellen aus, streng nach Vorschrift. Sind sie zu schwer, werden sie erleichtert, sind sie zu leicht, wirft er sie weg. Schließlich gibt er die Planchen in eine Maschine. Wenn sie wieder herauskommen, sieht man auf der Vorderseite: "Wilhelm II., Deutscher Kaiser, König von Preußen", das Zeichen der Münzanstalt und das Bildnis des Fürsten, auf der Rückseite: "Deutsches Reich, 20 Mark", den Reichsadler und die Jahreszahl. Zu guter Letzt schmückt Dr. Schmidt die Goldstücke mit der Randbeschriftung "Gott mit uns", umgibt die drei Wörtchen mit Ranken und Sternen, und fertig ist der alte "Goldfuchs" aus der Kaiserzeit.

"Beste Fälscherklasse"

Von den Münzen aus der Kaiserzeit mit dem Prägeaufdruck 5 Mark, 10 Mark und 20 Mark stellt der Bonner Doktor insgesamt zwanzig verschiedene Arten her. Bisher schaffte er in seiner Bastlerwerkstatt hundert Stück in einer Stunde. Seit vorletzten Freitag jedoch hat sich die Produktion sprunghaft um das Sechzigfache erhöht. An diesem Tag traf eine vollautomatische Münzprägepresse mit elektronischer Wiege ein. Der "Goldesel" soll in der Minute 110 Goldmünzen ausspucken. Stolz stellt der Doktor fest. "Das ist auf der ganzen Welt die einzige vollautomatische Presse, die sich in Privatbesitz befindet

So einfach hatte es der Erfinder nicht immer mit seinem goldenen Hobby. Zwei Jahre lang hatte er gebastelt, bis die Prägestöcke den Originalen zum Verwechseln ähnlich wurden. Als Vorlage dienten ihm alte Reichsgoldmünzen, die im Sparstrumpf der Familie Schmidt alle Appelle der Regierungen, die Goldmünzen freiwillig abzugeben, überdauert hatten. Als die Prägestöcke angefertigt waren, gründete Dr. Schmidt mit seiner Schwester Ilona Hausmann die Firma "Reichs-Gold-Münze 1. Hausmann & Co. KG". In wilhelminischer Schnörkelschrift ließ er den Firmennamen auf Briefbogen drucken und bot seine Goldstücke zum Verkauf an. Bedenken hatte er keine; er wußte: "Es ist gute Arbeit." Das hatte ihm nämlich das Hauptmünzamt der Bundesrepublik in München bestätigt, dem er einige nachgeprägte Stücke samt Originalen zur Begutachtung gesandt hatte. Lächelnd erzählt er heute: "Dort wurden meine Nachahmungen als echt bezeichnet." Die offiziellen Gutachter notieren die Nachprägungen des Bonner Doktors seitdem in der "besten Fälscherklasse".

Dem Hausjuristen der Firma "Reichs-Gold-Münze", Dr. Fritz W. Schäfer in Bonn, gefällt diese Bezeichnung freilich wenig. Sie habe schon ein "gewisses Odium", tadelt er. Seiner Meinung nach bestehen gegen die Nachmittags-Beschäftigung seines Klienten keinerlei juristische Bedenken. "Der materielle Wert der nachgeprüften Goldmünzen unterscheidet sich in keiner Weise von dem der echten Stücke", sagt er. Die Zwanzig-Mark-Stücke des Dr. Schmidt haben das vorgeschriebene Gewicht von 7,96 Gramm, ein Feingehalt von 7,16 Gramm und einen Durchmesser von 22,5 Millimeter. Daß der Materialwert der Zehn- und Zwanzig-Mark-Stücke nur ungefähr der Hälfte des heutigen Kaufpreises entspricht, ist das Glück und der Verdienst des Doktors.