New Delhi‚ im Juli

Das von deutschen Firmen und mit deutscher Kapitalhilfe errichtete große indische Hüttenwerk Rourkela sollte einmal zum eindrucksvollsten Symbol deutsch-indischer Zusammenarbeit und ein über Indiens Grenzen hinaus wirkendes Muster unseres technischen Könnens werden. In Wirklichkeit wurde dieses riesenhafte Stahl- und Walzwerk im Dschungel von Orissa jedoch zu einer argen Belastung der deutsch-indischen Beziehungen – jedenfalls zeitweise. Wie kaum ein anderes Projekt hat es dazu beigetragen, die hochgeschätzte Leistungsfähigkeit der deutschen Industrie in Frage zu stellen.

Rourkela kränkelt seit seiner Geburt, aber es krankt nicht – wie oft beschönigend behauptet wurde – an normalen Kinderkrankheiten, sondern an einem ernsten strukturellen und konstitutionellen Leiden. Vor kurzem ist dies Leiden zum erstenmal mit der notwendigen gewissenhaften Gründlichkeit diagnostiziert worden; nun sollte es mit der gleichen Sorgfalt geheilt werden. Die Diagnose wurde von sechs deutschen technischen Experten gestellt, die unter Führung von Ministerialdirigent Solveen aus dem Bundeswirtschaftsministerium wochenlang in Rourkela die Gründe für die dauernd auftretenden Produktionsschwierigkeiten studierte. Ihr Bericht ging als amtliche deutsche Stellungnahme an die indische Regierung, und diese hat ihn jetzt zur Grundlage einer drastischen Reorganisation ihrer staatlichen Stahlwirtschaftsverwaltung gemacht.

Auch die öffentliche Diskussion über Rourkela ist durch den Expertenbericht endlich in die richtigen Gleise kritisch-sachlicher Überlegungen gelenkt worden, nachdem sie vorher mit gefährlich falschen politisch-propagandistischen Aspekten vor allem die indischen Zeitungsleser jahrelang verwirrt hatte. Einer dieser falschen Aspekte war zum Beispiel der ständig angestellte Vergleich zwischen Rourkela und dem von den Sowjets errichteten gleich großen Hüttenwerk Bhilai; ein Vergleich, bei dem die indische Presse von ihrem bequemen Logenplatz aus den Aufbau der beiden Stahlwerke wie einen Arenawettkampf zweier politischer Rivalen betrachtete, denen sie – von jeder technischen Kenntnis unbelastet – freigiebig Plus- und Minuszensuren erteilte.

Das deutsche Projekt erhielt dabei mit Abstand die meisten Minuspunkte. Warum aber? Nicht zuletzt deshalb, weil hier etwas miteinander verglichen wurde, was überhaupt nicht vergleichbar war. Denn die Sowjets lieferten ein Hüttenwerk „von der Stange“, das in einem relativ einfachen Produktionsprozeß nur Halbfertigfabrikate wie Eisenträger und Konstruktionsstahl erzeugte. Rourkela dagegen ist das modernste integrierte Hüttenwerk Asiens, von einer technischen Perfektion, wie sie auf der ganzen Welt nur noch drei oder vier andere Stahlwerke auszeichnet; es erzeugt hochwertige Endprodukte wie Bleche und Feinbleche für den Karosseriebau und die Konservenindustrie, deren Wert den der Bhilai-Produktion um ein Mehrfaches übertrifft.

Es mag ein ganz grundsätzlicher Planungsfehler gewesen sein, in Rourkela ein so hochgezüchtetes und weithin automatisiertes Werk zu errichten, für dessen einwandfreie Betriebsführung – wie sich inzwischen herausgestellt hat – bestimmte Voraussetzungen in Indien erst noch geschaffen werden müssen. Aber die Inder selber haben bei den 1952/53 geführten Verhandlungen darauf bestanden, das modernste Hüttenwerk zu erhalten, und wahrscheinlich hätten die deutschen Firmen den Auftrag nicht bekommen, wären sie damals nicht auf die indischen Wünsche eingegangen.

Für die deutsche Industrie stellte der Rourkela-Auftrag mit Lieferungen im Werte von fast zwei Milliarden Mark das größte Auslandsgeschäft dar, das je mit einem einzelnen Projekt zustande gekommen ist. Zudem war die Errichtung eines Hüttenwerkes von einer Million Tonnen Jahreskapazität auf der „grünen Wiese“ – also ohne Anlehnung an bereits bestehende Industrien – ein völliges Novum.