Von Johannes Jacobi

Sommerszeit ist Festspielzeit. So spielen sie wieder, ob’s stürmt oder schneit. Zu den Aufführungen in der Hersfelder Stiftsruine geht man nicht im Abendkleid und weißen Smoking, sondern im warmen Mantel. Zur Ausrüstung gehört auch eine Wolldecke für Eisbeine. Die Damen können das Geld für den Friseur ruhig sparen. Wenn es Regengüsse, wie bei der „Maria Stuart“-Premiere, setzt, ist eine Regenhaube die passendste Kopfbedeckung. (Vgl. ZEIT Nr. 27.)

Trotzdem kommen die Menschen zuhauf. Zweitausend Menschen faßt der Zuschauerraum. Sogar die „Antigone“ Premiere war ausverkauft, obwohl die schwer verständliche Nachdichtung Hölderlins benutzt wurde. Wenn Stadt und Land sich nicht endlich zu einer „Regenlösung“ zusammenraufen, einem künstlerisch annehmbaren Ausweichsaal, dann täte man gut, unter die Sitzbänke eine Heizung einzubauen. Schlimmer als die Güsse von oben ist die Verkühlung, die von unten droht.

Gegen den Regen haben sich jedenfalls Zuschauer und Schauspieler in Bad Hersfeld seit Jahren verbündet. Für beide gibt es dasselbe Schreckgespenst: Daß sie in jenes mörderische Zelt verwiesen werden könnten, das offiziell „Festhalle“ genannt wird. Vielleicht stiftet die Stadt neben dem „Hersfeldpreis für Schauspieler“, der in diesen Tagen von auswärtigen Theaterkritikern vergeben werden soll, auch noch eine Verdienstmedaille für Treue und Tapferkeit, bewiesen von Zuschauern und Darstellern in der Stiftsruine?

In diesem Jahr müßte die Medaille in Gold an Marianne Hoppe und Hans Caninenberg verliehen werden. In einem leidenschaftlichen Dialog zwischen Königin Elisabeth und dem Grafen von Leicester platzte ein Guß, in dem der Text zu ertrinken drohte. Die beiden Schauspieler jedoch hielten durch, ohne mit der Wimper zu zucken.

Allmählich wird die Wandlung sichtbar, die in Bad Hersfeld durch den Intendanten William Dieterle herbeigeführt wurde. Es ist eine dramaturgische Wandlung: Die Befreiung des Spielplans von sentimentalen Assoziationen, vom oft gewaltsamen Bezug des Theaterspiels auf die „heil’gen Hallen“ einer ehemaligen Kirche, die eben doch eine Ruine ist. Als solche, als Kriegsopfer durfte sie mitspielen in Dieterles Eröffnungsinszenierung, dem „Florian Geyer“ von Gerhart Hauptmann. In dieser naturalistischen „Tragödie des Bauernkrieges“ wird gemordet, geschändet und geblendet. Für die Elendshaufen und das Kriegsvolk bildete das Gemäuer einen „naturalistischen“ Rahmen.

Doch sind die Reste, von denen die Hersfelder Szene gebildet wird, monumental: Hohe Bögen, weite Hallen, Flächen von Stein, an denen alles Kleine, alles Private abprallt. Das ist ein Spielort für die monumentale Poesie. Zum zweitenmal ließ Dieterle eine antike Tragödie inszenieren, nach der „Orestie“ jetzt die „Antigone“ des Sophokles. Vom künstlerischen Anspruch des Intendanten zeugte die Wahl der Hölderlin-Fassung. Er mochte dabei auf die berühmte Akustik des langen Raumes vertraut haben. Denn hörbar muß das Wort sein, andernfalls können Hölderlins Sprachgeist und rhythmischer Schwung nicht wirken.