Als Hans Lietzau, der Überlastete, als Regisseur ausfiel, wurde leider eine Fehlentscheidung getroffen. Der Grieche Pelos Katselis importierte eine im heutigen Athen übliche (durch griechische Bühnengastspiele auch in Deutschland bekannte) Auffassung der antiken Tragödie, die Hölderlin ins Gesicht schlägt. Was der stabbewehrte Chor an Singsang und "choreographischem" Schreiten vorführte, war Kunstgewerbe – indiskutabel wie die süßlich psalmodierende Musik von Georg Kasassoglou.

Daß dennoch eine packende und mehrere interessante Einzelleistungen zustande kamen, erscheint wie ein Wunder. Denn der griechische Regisseur verkehrte während der Proben mit den deutschen Schauspielern über eine Dolmetscherin, Andromache Anagnostopoulos (die dann die Episodenrolle der Eurydike darstellte). Daß so etwas Unfug ist (obwohl er um sich greift an deutschen Bühnen), ist beweisbar. Es klaffte eine bezeichnende Lücke zwischen der durchlebten Antigone von Joana Maria Gorvin und dem Teiresias von Paul Mederow. Die Diskrepanz war verräterisch, denn der Deklamator sprach seinen Text ebenso wohlüberlegt und sinnrichtig wie die dämonische Schauspielerin. Sprecherische Qualitätsunterschiede müssen einem nur klangregulierenden Ohr jedoch verschlossen bleiben.

Unerschlossen blieb – und das ist eine Nachlässigkeit – für diese Aufführung auch die Raumakustik. Da war von der Intendanz einer der verheißungsvollsten deutschen Schauspieler (aus Bochum) als Kreon geholt worden: Hubert Suschka. Seine hohe Stimme brachte dem Tyrannen einen impertinenten, zugleich weichlichen und schrillen Charakterzug ein. Suschka versteht es, sprachlich zu modulieren. Daß er sich an gewissen Stellen ein wenig überschrie, war wohl künstlerische Absicht. Aber niemand scheint ihn von entlegeneren Plätzen aus kontrolliert zu haben. Dort kamen Suschkas Worte undeutlicher an als die leiseren Töne von anderen (zum Beispiel von der Ismene Else Ludwigs oder dem Haimon Paul Bösigers).

Auch die Gorvin durfte anfangs zu viel "fallen lassen". Doch in Antigones Abschied vom Leben gelang – ob dank oder trotz Katselis – Joana Maria Gorvin eine überwältigende Leistung: Versinnlichung von Sprache und tragischem Geist, Vereinigung von Mensch und Gott, der die leidende Kreatur schlägt, auf daß sie ihn im Untergang verherrliche. In solchen Augenblicken war die Dimension Hölderlins erreicht.

Der Rang der Hersfelder Festspiele ist in die Hand eines einzigen Mannes, eines Künstlers von Format und Weltkenntnis gegeben: William Dieterles. Das bedeutet für die Institution Glück und Wagnis. Ein Jahrzehnt lang profitierten die Spiele von der Persönlichkeit des Bundespräsidenten und Hofmannsthal-Verehrers Theodor Heuss. Sein Nachfolger im Amt übt die Schirmherrschaft zurückhaltender aus.

Dieterle hat seine Spielplanerweiterung (bis zur klassischen Komödie hin) durchgesetzt, obwohl das Bonner Innenministerium im vorigen Sommer einige peinliche Zwischenrufe machte. Shakespeares "Sommernachtstraum", der jetzt wieder aufgenommen wurde, zog nicht nur die meisten Zuschauer nach Bad Hersfeld, er hat sogar den Bonner Ministerialen gefallen, als sie sich endlich die letzte vorjährige Vorstellung ansahen.

In diesem Sommer inszenierte Dieterle selber den "Florian Geyer" – als Beitrag zur hundertjährigen Geburtstagsfeier für Gerhart Hauptmann sicherlich das passendste Stück für den Schauplatz. In seiner tiefgreifenden klugen Werkbearbeitung bewies der Dramaturg Dieterle eine glücklichere Hand als der Regisseur Dieterle. Er reduzierte das historische Spektakel auf Charaktere und versuchte, in deren Zwietracht die deutsche Tragödie sichtbar zu machen. Doch gelang es, nur einige der immer noch vielen Rollen stark genug zu besetzen. So wurde Hans-Dieter Zeidler zwangsläufig überfordert. Plötzlich erschien Geyer, anders als vom Dichter gemeint, als stücktragender Held, dessen Untergang von der Regie auch noch optisch glorifiziert wurde. Das hielt nicht einmal Zeidler aus.

Hersfeld ohne Heuss – das heißt: Dieterle braucht einen dramaturgisch vollwertigen, im deutschen Theater von heute erfahrenen, auch in dessen "Markt"-Bedingungen sich auskennenden, wenigstens nebenamtlich ganzjährig für die Hersfelder Festspiele tätigen Berater seiner eigenen Wahl. Dieterles Aufbruch vom stimmungshaften Mysterienspiel in die dramatische Weltliteratur bedeutet Hersfelds Festspielchance. Denn Festspiele nur des dichterischen Wortes, deren Zuschauern weder Regen noch Sommerkälte etwas anhaben können, gibt es nicht viele. In Bad Hersfeld wird jetzt konsequent "Theater" gespielt und nicht aus Mauerresten eine "Idee" abgeleitet. Das ist, auch wenn noch einige Hürden zu nehmen sind, besser, als sich in "kulturellen" Aktionen zu retten, wie es die Ruhrfestspiele tun.