Mitte Juli

Als eine „Frage über Leben und Tod“ hat der Außenminister der provisorischen algerischen Regierung, Saad Dahlab die Verwirklichung der Pläne um die Zusammenarbeit mit Frankreich bezeichnet. Nur in der Zusammenarbeit mit Paris würde die Sicherheit garantiert sein: der Respekt des Bürgers vor Gesetz und Staat. „Anderenfalls“ – so folgerte Saad Dahlab – „wird sich das Ausland nicht mehr so sehr für uns interessieren wie bisher.“

Mit dieser Warnung hat er nicht nur den Ernst der Krise im FLN charakterisiert, sondern auch einen Gesichtspunkt aufgezeigt, dessen Eindringlichkeit sich wohl kein algerischer Politiker entziehen kann, sei er nun ein ungeduldiger Revolutionär, ein ungehorsamer Soldat oder ein ehrgeiziger Streber, der sich von regionalen oder sozialen Sonderströmungen an die Macht tragen lassen möchte.

Es könnten also genügend Gründe angeführt werden, die es den untereinander verfeindeten algerischen Brüdern dringlich erscheinen lassen, sich zu versöhnen oder doch zumindest ihre Differenzen mit Methoden auszutragen, die den Aufbau ihres Staates nicht ernstlich gefährden. Ohnehin haben die ersten Tage der algerischen Unabhängigkeit gezeigt, daß es hier um mehr geht, als um einen bloßen Wettlauf um die Macht. Denn: Als erster in Algerien einzutreffen – das heißt noch nicht, zum ersten algerischen Staatschef erkoren sein. Ben Khedda könnte es ähnlich ergehen wie jenem Hasen aus der bekannten Fabel, der vom Igel überlistet wurde; denn wenn der „Nationalrat der algerischen Revolution“ wirklich die letzte Instanz der FLN ist, wird sich Ben Khedda früher oder später ins Einvernehmen mit diesem Gremium setzen müssen, auf die Gefahr, daß Ben Bella der dort über eine komfortable Mehrheit zu verfügen scheint, ihm munter zurufen könnte: „Ich bin schon da!“

Mit dem Einmarsch der Befreiungsarmee, die in Tunesien und Marokko stationiert war, hat sich der Einfluß Ben Bellas auf die FLN-Organisationen im Inland konsolidiert. Noch stützt sich zwar die provisorische algerische Regierung Ben Kheddas auf die autonome Zone von Algier, von Kabylien, auf den größeren Teil der Provinz von Konstantin. Aber die Anhänger Ben Bellas sind vor allem im Osten und Westen des Landes verankert.

Paris sieht sich zunächst vor die Frage gestellt, auf welche Weise diese Ereignisse die Vereinbarungen von Evian beeinflussen. Es kann sich dabei vernünftigerweise nicht um eine Kontrolle handeln, ob das vorgezeichnete Programm auch wirklich getreu nach dem Buchstaben und nach dem Kalender respektiert wird. Vielmehr geht es den französischen Politikern darum, das Prinzip und den Geist einer Zusammenarbeit unbeschadet über die Durststrecke dieser Anfangszenen zu bringen.

Es ist also kein Unglück, daß die von Fares geleitete Provisorische Exekutive die Wahl einer konstituierenden Versammlung um einige Tage auf den 12. August verschoben hat; dies natürlich unter Berücksichtigung der inneren Reibungen des FLN. Womöglich muß man sogar befürchten, daß die Vertragstreue Ben Kheddas eine gewisse Gefahr birgt. Denn es wäre der Aufrechterhaltung der Ordnung wahrscheinlich zuträglicher gewesen, wenn sich der FLN – wie dies ursprünglich geplant war – stärker an der Provisorischen Exekutive beteiligt hätte. Vermutlich wollte sich Ben Khedda jedoch nicht noch mehr mit den Männern um Farès verbinden, die von der radikalen Opposition der „Neo-Kolonialisten“ beschimpft werden. Damit hat er aber gleichzeitig einen Wunsch Ben Bellas erfüllt, der auf eine deutliche Trennung zwischen der Provisorischen Exekutive und dem FLN – im Sinne der Evianer Vereinbarungen – gedrängt hatte. In den von der Befreiungsarmee kontrollierten Regionen ging man mit den Papieren von Evian allerdings etwas weniger zimperlich um und löste die lokalen Ordnungskräfte der Provisorischen Exekutive kurzerhand auf. Die Organisation der Verwaltung ist also im Augenblick reichlich verworren und die anhaltende Unsicherheit nicht dazu angetan, die europäischen Siedler von der Flucht abzuhalten.