Von Helmut M. Braem

William Faulkner ist tot, ist am vergangenen Freitag nach einem Herzanfall in seiner Heimatstadt Oxford im Staate Mississippi gestorben – elf Wochen vor seinem fünfundsechzigsten Geburtstag.

Die Trauer beschwört Bilder herauf. Eine Tafel an der Auffahrt zu einem von hohen Zedern umschlossenen, ebenso herrschaftlichen wie sichtbar alternden Herrenhaus: Bitte, nicht ohne Einladung betreten. In der Halle über dem Kamin ein Jugendbildnis William Faulkners, in Öl gemalt von seiner Mutter. Und daneben, ja überall im Raum viele Photographien von Jill, seiner Tochter. Abgelegen ein Zimmer – klein, weiß verputzt, kahl, eine Mönchszelle mit wackligem Stuhl, schmalem Bett und einer bemerkenswert alten Schreibmaschine. Ganz wenige Bücher: Agatha Christie, Charles Dickens, Hawthorne und E. E. Cummings ... Tabakdosen auf dem Boden, an der nackten Wand ein „Fahrplan“: Erinnerungsbrücke zur Komposition einer neuen Arbeit – vor wenigen Wochen erst erschien auf dem New Yorker Buchmarkt die letzte; es ist der heiterste Roman, den William Faulkner je geschrieben hat: „The Reivers“, Die Räuber.

Drüben, nahe der Autostraße, eine winzige Kirche, in der Faulkner getraut worden ist. Und dann, noch einsamer gelegen als das kleine Gotteshaus, ein dem Verfall preisgegebenes Gebäude, niedrig und ganz aus Holz, vier wurmstichige schmale Säulen tragen sein Vordach, dessen Aufschrift „College Hill“ sich nur noch mühsam entziffern läßt. Das Urbild von Faulkners „Dorfladen“? Auch dieser hier mit Nägelfäßchen ausgestattet, auch dieser hier von kleinen Farmern und Pächtern besucht, die wortkarg sind, auf den Nägelfäßchen hocken, mit Taschenmessern an kleinen Holzstücken herumschnipseln und den Ofen zur Zielscheibe ihrer Spuckkünste nehmen. Hier ist „Frenchman’s Bend“, der Franzosenwinkel des Yoknapatawpha-Distrikts – eine schöne und grausame, eine uns fremde Welt. Erst das Werk William Faulkners hat sie zu unserer eigenen gemacht: zur zeitlosen Welt des Menschen, seines Hoffens und Leidens.

Aber warum nur so fremd, diese Welt? Warum nur finden die Europäer und auch die Leute aus Boston, Los Angeles oder Chikago anfangs so schwer Zugang zu ihr? Es muß an der Chronologie liegen. Und die scheint hier, an der Südgrenze der Vereinigten Staaten, im Stromland des Mississippi, völlig durcheinandergeraten zu sein. Überall gewaltige Baumwollpflückmaschinen, gewaltige Eisschränke und Autoungetüme – und dennoch scheint die Zeit vor hundert Jahren stehengeblieben zu sein. Der Fremdling braucht sich bloß den Einheimischen anzuschließen, und schon wird er mit Staunen hören, daß die einen in einer Sprache sprechen, als müßten sie noch in der nächsten Stunde in den Krieg ziehen – in den Bürgerkrieg gegen die Nordstaaten. Der Süden der Vereinigten Staaten lebt in und von der Erinnerung, lebt außerhalb unserer Kalenderzeit.

Auch William Faulkner, der 1897 in New Albany im Staate Mississippi Geborene, ist ein Mann des Südens, ist es seit mehr als fünf Generationen; und es gibt kein Buch von ihm, das nicht von der Erinnerung bestimmt wäre, nicht von der die Gegenwart diktierenden (grausam diktierenden) Vergangenheit spräche, in dem die Zeit, von drei Romanen abgesehen, nicht außerhalb unserer sorgsam erdachten Uhrzeit stünde. Kam Faulkner unter Freunden ins Plaudern, sprach er am liebsten von seinem Urgroßvater Falkner, der ein ruhmreicher Oberst des Sezessionskrieges gewesen ist (und ein herzlich schlechter, aber noch immer gern gelesener Romanschreiber). Und wenn einer von Faulkners Gästen die Münchhausiaden des Ahnen nicht recht glauben wollte, führte er ihn zu „Onkel Ned“ – einem Greis unbestimmbaren Alters, einem Neger, der in seiner Jugend Diener beim Urgroßvater Falkner gewesen war und der bis zu seinem Tode vor wenigen Jahren dem Urenkel seines ersten Herrn wieder und wieder vom Bürgerkrieg erzählen mußte.

Der weit zurückliegende, fast schon zur Legende gewordene Krieg zwischen Nord und Süd ist es, der diesen genialen Epiker nicht losgelassen hat. Aber erst die Erfahrung mit dem Puritanismus verwandelte die geschichtliche Entwicklung der Südstaaten zu dem metaphysischen Symbol, als das sie uns in den Büchern Faulkners begegnet.