Am Montag um halb elf wurde ein NBC-Film über Hemingway gezeigt, Ernst Schnabel sprach den Kommentar im Stil eines Brechtischen Sängers: freundlich belehrend, elegisch und knapp. Es war eine glückliche Stunde; die Sprache gab der Szene Farbe und Vielschichtigkeit; der Interpret zeigte die Hintergrund-Kontur und scheute sich nicht, das Wort dem Bild bisweilen widersprechen zu lassen: Venedigs heitere Fassade, Markusdom und Piazza, aber dahinter herbstlicher Abschied, der Tod des alten Soldaten, Entenjagd und klägliche Rückkehr. („Nicht nur Mörder, auch Verwundete kehren an den Tatort zurück.“) In vier bis fünf Sätzen gelang es Ernst Schnabel, den venezianischen Schattentanz, Across the river and into the trees‚ zum Leben zu wecken.

Während die Kamera über Palazzi und Kanäle glitt, sah man zugleich die Silhouette des traurigen Obersts, erkannte, vorausblickend, Hemingways Bestimmung: alles zweimal machen zu müssen (zweimal in den Krieg, zweimal nach Fossalta di Piave, zweimal in den Tod) und gewahrte schließlich die Züge einer literarischen Landschaft besonderen Rangs: Nietzsches Gondeln und Lichter, das Pestreich Thomas Manns, die Proustsche Sonne über der Piazza, Melancholie und Müdigkeit ...

Man sah unvergeßliche Bilder: Hemingway, ein weiß gekleideter Herr, in der Arena, unbewegt die Schritte des Toreros verfolgend; Fitzgerald, sehr zerbrechlich und bedroht (ein paar Jahre später, verbrannt, ein ausgelöschtes Gesicht); Gertrude Stein, der graue Vogelkopf, die Augen voll gelassener Bosheit; Königin Maria von Rumänien, geschminkt und verwegen: noch einmal Hemingway, immer ein paar Jahre zu alt, immer den Tod im Genick; mit 40 schon ein bärtiger „Papa“, mit 50, allem Sportler-Gehabe zum Trotz, schon traurig und alt, ein „Entsagender“ aus der Vergangenheit. In der Tat, es war ein bewegendes Schauspiel. Die Kamera zeigte den bärtigen Helden, den Odysseus unserer Zeit; der Kommentar jedoch gesellte zum Bild die Röntgen-Aufnahme, man sah das schlagende Herz, das Skelett.

Im Sichtbaren Verborgenes zu sehen: diese Aufgabe hatte sich, in der Sendung „Mit den ’Augen einer Israeli“, auch Vera Elvashiv gestellt. Aus großer Distanz, erfreulich schonungslos, betrachtete sie unser Land. Die Kamera folgte und kannte keinen Pardon: hektische Schreie von Reichspartei-Rednern, Bürgerbräu-Stimmung, Stresemann und grauer Schlios; daneben das verlassene Dachau; ein feudaler Münchener Klub, Juwelen und Pelze, kontrastiert mit den Riesenpupillen eines ukrainischen Bauern in der Sekunde des Todes; Korpsstudenten. Biergesichter, Teutonentum der Pubertät und dann Ermordete, die Beute von SS-Soldaten, denen heute der 190er paßt... stimmt dieses Bild, das die Bestandsaufnahme des Linksintellektuellen so glänzend zu rechtfertigen scheint?

Ich glaube, daß es weitgehend stimmt... und dennoch bleibt ein Rest zu tragen peinlich. Mit Ausnahme einiger Berufs-Oppositioneller kommt die Gegenseite nicht zu Wort; Korps-Studenten treten auf, während die politischen Hochschulgruppen zum Schweigen verdammt sind; Brentanos wortreiche Hilflosigkeit – eine gespenstische Szene! – wird genüssig photographiert; aber kein einziger Arbeiter spricht, kein Mann an der Werkbank, keine Frau im Labor. Statt dessen gibt es bisweilen ärgerliche Montagen: rechts die Mauer, links die tanzenden Berliner ... zeugt das wirklich von Blindheit der twistenden Paare? Muß man tatsächlich, wie in vergangener Zeit, auch heute noch wochenlang Wagner abspielen, zum zehnten Mal die Götterdämmerung, um seine Bestürzung zu zeigen? Könnte man nicht genau so gut zur Rechten betende Israelis und zur Linken die arabischen Posten am Tor des Mandelbaums zeigen? Tanzt die jeunesse dorée am Jordan nicht, weil Nassers Garde durch die Heilige Stadt patrouilliert?

Kurzum, die Ausschnitte waren einseitig und mit subjektiver Verve ausgewählt (und gerade das sollten sie sein). Das Gezeigte selbst scheint nur schwer widerlegbar zu sein ... und es hätte – gerade von einer Israeli – noch viel erbarmungsloser kommentiert werden können. (So sähe man das Publikum des hochmondänen Klubs und die Korps-Studenten sehr gerne gefragt: Gehören Juden zu ihrer Gesellschaft? Sind die Juden in Ihrem Kreise willkommen?)

Die Sendung geht uns an, beschämt uns, reizt zum Widerspruch. Man sollte sie bald wiederholen – und diskutieren. Es ist gut, sich in fremden Spiegeln zu sehen. Man hält sich so leicht für beliebter, als man in Wirklichkeit ist. Momos