Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) gerät schon in die „planetarische Dimension“, noch ehe England den Weg zu ihr gefunden hat. Gerade sind in Kairo 200 Vertreter aus 31 Staaten versammelt, um eine gemeinsame Haltung der Welt-Rohstoff-Produzenten gegenüber den einigen Europäern zu erwirken. Denn im letzten Jahrzehnt stiegen die Preise der meisten europäischen Industrieerzeugnisse um 24 %, obwohl die der Rohstoffe um 5 % gefallen sind.

Unter den 31 Staaten sind auch sieben lateinamerikanische, unwirsche wie Kuba – aber auch dem Westen zugeneigte wie Brasilien und Chile. Alle sind sich indessen einig, daß die EWG mit Außenzoll und Agrarpolitik ein Ärgernis sei. Die Organisation lateinamerikanischer Staaten (mit der in Europa mißverständlichen Abkürzung „OAS“) hat die Brüsseler EWG-Kommission schon im Mai durch ihren Sprecher, den US-Bürger Dr. Walter Sedwitz, auf den jährlichen Absatzverlust für Lateinamerika in Höhe von 130 Mill. Dollar aufmerksam gemacht – so viel ist der Kaffee wert, den diese acht Staaten in jedem Jahr infolge europäischer Verbrauchsteuern, Zölle und Importkontingente nicht verkaufen. Logischerweise müsse die verringerte Deviseneinnahme dann auch zum Rückgang europäischer Industrieexporte in diese Länder führen, meinte Sedwitz.

Die Tonlage beginnt schrill zu werden. Das ist nach Lage der lateinamerikanischen Interessen verständlich. Um so erfreulicher nimmt man es also sicher in der westlichen Hemisphäre und bei den in Kairo versammelten Delegierten auf, daß die EWG-Kommission dem Ministerrat gerade ein „Gemeinschaftsprogramm zur Aktion für Lateinamerika“ zugeleitet hat. Es sieht die Organisation der wichtigsten Rohstoffmärkte (Kaffee, Zucker, Weizen, Zinn, Kakao, Bananen) auf Weltebene, gewisse EWG-Hilfen zur bevorzugten Einfuhr von Weizen und Fleisch aus Argentinien und Uruguay, besondere langfristige Kreditbedingungen für lateinamerikanische Investitionen (unter Einschaltung der „europäischen Investitionsbank“) und die technische Zusammenarbeit mit Europa über das geplante „EWG-Entwicklungsinstitut“ vor. Das Programm ist ein Trost – ein kostspieliger wahrscheinlich. H. B.