Statt Vernunft und Klarheit bestimmen noch magische Formeln die Diskussion

Von Lothar Czayka

Als die gesellschaftliche Arbeitsteilung im Laufe der historischen Entwicklung ein bestimmtes Maß überschritt und große ökonomische Einheiten schuf, wurde das wirtschaftliche Geschehen für die meisten Menschen rätselhaft. Das Funktionieren oder Nichtfunktionieren einer solchen Volkswirtschaft wurde unbegreiflich, wunderbar, ja unheimlich.

Da passierte es beispielsweise, daß ein mehr oder weniger großer Teil des sachlichen Produktionspotentials brachlag und jahrelang Arbeitslosigkeit herrschte, obwohl zur selben Zeit viele Menschen nicht einmal ihre elementarsten materiellen Bedürfnisse befriedigen konnten. Da war es möglich, daß in großen Mengen Güter hergestellt wurden, die keine Nachfrage fanden. Oder da konnte es auch vorkommen, daß die Güterpreise in gewissen Zeiten schneller als die Nominaleinkommen stiegen und der Realwert der Ersparnisse über Nacht dahinschmolz.

All diese beunruhigenden Phänomene hatte es zu Zeiten der fast autarken Hauswirtschaften, die nur gelegentlich etwas Tauschhandel trieben, und auch in den noch relativ übersichtlichen mittelalterlichen Stadtwirtschaften nicht gegeben. „Vollbeschäftigung“ und „nachfragegerechte“ Produktion waren in der Kleinwirtschaft eine Selbstverständlichkeit, weil damals eine weitgehend personelle Identität zwischen Konsumenten und Produzenten, zwischen Sparern und Investoren bestanden hatte.

Leben mit dem Dämon

Dies änderte in der modernen, arbeitsteilig verflochtenen Volkswirtschaft. Der Einzelwirtschafter fühlte sich nur noch als Atom und unterlag einem Gefühl des Ausgeliefertseins an eine Wirtschaft, die sich seiner Meinung nach zu verselbständigen begann. In seiner Einbildungskraft wurde sie ein mystisches Wesen, unabhängig vom menschlichen Willen, eine riesige unheimliche Maschine, die von einem launigen Dämon beherrscht ist. Auch die Wissenschaft konnte sich von dieser Vorstellung nicht freimachen. Um das Funktionieren der Wirtschaft einigermaßen verständlich zu machen, nahm sie Zuflucht zu Analogien und verglich die komplizierten Abläufe mit dem menschlichen oder pflanzlichen Organismus. Mancher Forscher war von den hinkenden Vergleichen so beeindruckt, daß er in seinen Erklärungsversuchen nicht weiter auf eine Prüfung einging und deshalb haben sich in der Wirtschaftstheorie recht krause Vorstellungen erhalten können.