Von Claus Bartholdt

Am Dienstag der vergangenen Woche rief der in Konkurssachen nicht gerade unerfahrene Amtsgerichtspräsident Dr. Peters den Bremer Reeder Helmut Parchmann zu sich und verlas den Beschluß, daß über das Vermögen der Reederei H. Parchmann und Co. das Konkursverfahren eröffnet sei.

Bei dieser Gelegenheit erfuhr der Bremer Reeder zu seinem Erstaunen, daß sich auch Dr. Peters ein Haus gebaut habe, „zwar nur für 65 000 DM, denn mehr kann ich mir eben nicht leisten“. Er habe allerdings, so erklärte Dr. Peters dem Schuldner Parchmann und dessen Rechtsanwalt Dr. Düsing, auswärtige Besucher immer nach Borgfeld gefahren, ihnen das Haus Parchmanns gezeigt und gesagt: „Hier baut ein größenwahnsinniger Bremer Reeder.“ Dieser emotionelle Ausbruch des Amtsgerichtspräsidenten hatte dann auch zur Folge, daß Dr. Düsing erklärte: „Herr Richter, ich meine, Sie gehen etwas weit.“

Die Differenz zwischen einem Objekt von 65 000 DM und dem von dem Bremer Architekten Gildemeister im Auftrage Parchmanns erbauten Haus für mehr als 1,5 Millionen – die genaue Bausumme ist offensichtlich noch nicht feststellbar – hat allerdings seit rund zwei Jahren nicht nur Dr. Peters, sondern viele Bremer beschäftigt. An manchem Wochenende konnten dort mehr als hundert Neugierige und nicht viel weniger Wagen (bis zum standesgemäßen Mercedes 220) gezählt werden. Die Bremer nahmen voller Erstaunen jenes Objekt zur Kenntnis, das gegenüber dem Wümmehof emporwuchs, dem norddeutschen Sitz des Chefs des Hauses Hohenzollern, Prinz Louis Ferdinand.

Nach der Volksmeinung, die sich in der Beurteilung des Baus durchaus mit der Meinung von Dr. Peters deckt, ist der Reeder Helmut Parchmann letztlich an diesem Objekt gescheitert. Inmitten kleiner Siedlungshäuser und mittlerer Eigenheime mußte sich ein Bau dieser Größenordnung mit Reitplatz, Pferdestall und anderen für das bürgerliche Eigenheimdenken ausgefallenen Einrichtungen etwas sonderbar ausnehmen. Im Ruhrgebiet oder auf dem hohen Elbufer inmitten ähnlicher Bauten wäre ein solch schauderndes Erstaunen kaum zu registrieren gewesen. Vielleicht hätte dort auch niemand den Vorwurf erhoben, daß derartige Repräsentationsbauten wohl nicht die richtige Illustration zu den Klagen über die schlechte Lage der deutschen Seeschiffahrt seien. Hierzu muß man allerdings hinzufügen, daß immerhin ein Unterschied zwischen den Reedern oder Vorstandsmitgliedern deutscher Großreedereien und dem Bremer Helmut Parchmann mit seiner Flotte von neun kleinen und mittleren Schiffen besteht, eben der größere geschäftliche Hintergrund.

Parchmann hatte anfangs eine Vertretung für einen ausländischen Reeder, die einer risikofreien Lebensversicherung für ein Dasein als mehrfacher Millionär gleichzusetzen war: die von ihm geleitete Agentur Carl Scholle vertrat die norwegische Meyer Line aus Oslo für Deutschland. Er aquirierte für den Norweger Per Meyer so viel Ladung und baute ein eigenes Netz von Niederlassungen auf, daß der Erfolg dieser Reederei zu einer ernsten Gefahr für die beiden deutschen Weltreedereien Hapag und Norddeutscher Lloyd wurde – für den Verkehr zur Ostküste Nordamerikas.

Dieser geschäftliche und finanzielle Erfolg seiner Arbeit für die Firma Carl Scholle mußte ihn nach einem ernsthaften Studium der deutschen Steuergesetzgebung auf den Gedanken bringen, eine eigene Reederei zu gründen. Er folgte damit der bewährten Methode, mit der die Gewinne eines Unternehmens, um sie vor der Steuer zu retten, in ein anderes eingebracht wurden, das mit Verlusten arbeitete. Helmut Parchmann gründete also 1956 die Reederei H. Parchmann und Co. 1957 erwarb er das erste Schiff. Bis 1961 brachte er es immerhin auf neun Schiffe. Zu den ersten secordhand-Schiffen – wie im Seefahrtsjargon die Gebrauchtfahrzeuge des Seehandels heißen – kamen in ziemlich schneller Folge einige Neubauten. Beide Firmen liefen über eine Kontokorrentbuchhaltung.