Von Heinz Maegeriein

Es gibt keinen Zweifel: Die Turnweltmeisterschaften in Prag haben eine beinahe sensationelle weitere Steigerung der Leistungen gebracht. Daß die Übungen an den Geräten noch vielseitiger und noch schwieriger sein würden als bei den vorhergehenden Weltmeisterschaften 1958 in Moskau und den olympischen Turnkämpfen 1960 in den (Thermen des Caracalla in Rom stand natürlich schon lange außer Frage – aber niemand, selbst nicht die besten Kenner des Kunstturnens und genauesten Beobachter des internationalen Standards hatten damit rechnen können, daß die Siegesleistungen von Rom in Prag kaum die Teilnahme an den Endkämpfen der Besten an den einzelnen Geräten ermöglicht hätten.

Was die katzengewandten Japaner und die kraftstrotzenden Turner der Sowjetunion und – als ihnen absolut ebenbürtiger Gegner – der Jugoslawe Miroslaw Cerar an allen Geräten, die jungen Chinesen am Barren und im Bodenturnen, einige Tschechen im Sprung, am Boden und an den Ringen, und noch ein gutes Dutzend weiterer Turner der verschiedensten Nationen jeweils in einigen Disziplinen – der Italiener Franco Menichelli beispielsweise im Bodenturnen, sein Landsmann Giovanni Carminucci am Barren, die Finnen Eugen Ekman und Kanko Heikkinen am Pauschenpferd, der Ungar Reimund Csanyi und der Koreaner Zo Zong Kjol am Reck, der Ostberliner Siegfried Fülle im Sprung über das Pferd, der Schweizer Max Benker am Barren – zeigten, das bewies, daß in einigen Ländern seit Rom einfach ungeheuer trainiert worden sein muß. In den bester! Übungen dieser drei Kampftage der Männer – von den Frauen wird später noch zu sprechen sein – wurde eine Beherrschung des Körpers, eine Geschmeidigkeit und Biegsamkeit, ein Ausmaß an Kraft, im Bodenturnen und im Sprung über das Pferd auch an Explosivität sichtbar, die nur in vielen hundert Trainingsstunden der letzten Jahre erworben worden sein können.

Nehmen wir das sinnfälligste, weil man dabei am ehesten ohne Fachausdrücke auskommt, das Bodenturnen. Es ist in Prag selbstverständlich gewesen, daß neun Zehntel aller Teilnehmer – bei den Frauen und Mädchen lag übrigens der Prozentsatz keineswegs niedriger – blitzschnelle Überschläge rückwärts – sogenannte „Flik-Flaks“ – und anschließend den gestreckten Salto hoch hinaussprangen, mehr als ein Drittel drehte sich bei diesem gestreckten Salto auch noch um die Längsachse, zeigte also den sogenannten „Schraubensalto“. Von diesen neun Zehnteln aber kamen fast alle zum sofortigen Stand nach dem Sprung, d. h. sie fingen den mächtigen Schwung nach den im Tempo sich steigernden „Flik-Flaks“ und dem Salto so bravourös ab, daß man auch nicht das geringste Nachhüpfen oder einen weiteren Schritt; oder ein Überfallen des Körpers beobachtete! Darin beispielsweise prägte sich die große neuerliche Leistungssteigerung aus, denn es ist ein gewaltiger Unterschied, ob der Turner nach den Sprüngen – vor allem wenn sie so hoch hinaufgetrieben und so blitzschnell gedreht werden, wie das in Prag bei allen der Fall war – unbewegl ch steht oder aber mit verschiedenen kleinen Hilfen wie sie vor Jahren, ja noch 1960 in Rom gang und gäbe waren, einen unsicheren, zumindest aber nicht beherrschten Aufsprung verwischt.

Das gleiche gilt auch für den Pferdsprung. Selbst der Laie wird begreifen, welches Training dazu gehört, daß der Turner nach einem Anschweben vom Sprungbrett bis zum Stütz von vier bis sechs Metern und einer Gesamtsprunglänge von sechs bis acht Metern den Schwung so abfedert, daß er unmittelbar nach der großen Entfaltung des Sprungs beim Aufkommen bewegungslos verharrt. Daß dieses plötzliche Stehenbleiben ohne jede weitere Bewegung in Prag zumeist auch am Reck nach den Saltos und den Flughechten und Fluggrätschen vom Reck, ja sogar nach dem diesmal so häufig wie nie zuvor gezeigten Doppelsalto gelang, unterstreicht weiterhin, wie hart vor Prag gearbeitet worden sein muß – ganz besonders natürlich bei den überragenden Japanern und Russen, kaum weniger auch in einer ganzen Reihe weiterer Turn-Nationalmannschaften, z. B. in den USA – die sich vom zwölften Platz in der Pflicht, in der sie sehr enttäuschten, durch großartige Kürleistungen noch auf. den sechsten Platz vorarbeiteten, bei den Tschechen, Italienern, Chinesen usw. – Freilich nicht bei uns! Es sollen hier an dieser Stelle keineswegs die deutschen Turner geschmäht werden, die uns in Prag vertraten: Mehr Mißgeschick als unserer Nationalmannschaft widerfuhr, kann es kaum geben: der Beste, Philipp Fürst, nur Zuschauer, da er sich das Bein beim Training zehn Tage vor den Weltmeisterschaften gebrochen hatte, der Zweitbeste, Günther Lyhs, außer Gefecht nach der ersten Übung, die er mit sehr schmerzhaften Bandscheibenvorfall beendete – weitere recht vielversprechende Nachwuchsturner wie beispielsweise Wolfgang Nold und Jürgen Bischcff schon vorher, durch Verletzungen ausgefallen – nein, man darf wirklich nicht nur auf den 16. Platz starren und darauf verweisen, daß nur im Turnen völlige Neulinge wie die Vereinigte Arabische Republik, Kanada, Kuba und die Türkei hinter uns endeten.

Aber selbst wenn man mit Fürst und Lyhs – einige Verletzungen gab es ja in jeder Nationalmannschaft – gut zehn Punkte mehr rechnet, selbst dann wäre unsere Mannschaft vermutlich nur einen einzigen Platz weiter nach vorn gekommen und hätte gerade noch die Schweden hinter sich gelassen, die noch nie eine wirklich starke Mannschaft besaßen. Wir aber waren doch schließlich einmal überlegener Olympiasieger, noch 1952 trotz aller Wunden des Krieges und des schweren und zaghaften Wiederbeginns und des fehlenden Vergleichs in den Jahren vor den Spielen von Helsinki immerhin Vierte! Noch 1952 gewann Alfred Schwarzmann eine Silbermedaille in Helsinki, noch bei den Weltmeisterschaften von 1954 in Rom schob sich Helmut Bantz mit einem Platz unter den ersten zehn des Zwölfkampfes mitten unter die besten Russen und Japaner und gehörte überdies zu den Medaillengewinnern – also den besten drei Turnern der Welt–an zwei Geräten! Noch 1956 gewann er die Goldmedaille in Melbourne, noch 1955 wurde auch Adalbert Dickhut Europameister! Wir brauchen also gar nicht erst die „Großen“ der Vorkriegsjahre zu beschwören, die Schwarzmann, Frei, Beckert, Winter usw., um zu dokumentieren, daß es doch ein gewaltiger Unterschied ist, ob Schweden, um nur ein Beispiel zu nennen, heute 13. oder 14. wird oder die Mannschaft des Deutschen Turnerbundes.

Aber lassen wir einmal die Punkte und Zahlen – auch wenn man von ihnen absieht, wenn man zudem alles Mißgeschick in die Überlegungen einbezieht – es bleibt ein großer Rest von Unbehagen.