München, im Juli

Alois Hundhammers legendärer schwarzer Bart ist schlohweiß geworden, die beiden Falten von den Nasenflügeln hinunter zu den Mundwinkeln haben sich in letzter Zeit schärfer eingekerbt, doch sein Gesicht wirkt geradezu frappierend frisch. Und straff, wie seine körperliche Haltung, sind auch Willenskraft- und Unternehmungsgeist des 62jährigen geblieben: Umsichtig rüstet er sich nun, Bayerns nächster Ministerpräsident zu werden.

Um es vorwegzunehmen: Hundhammers Chancen sind erstklassig. Die Landtagswahlen finden im November statt. Nach allen Beurteilungen wird die CSU mit Sicherheit ihren derzeitigen Stand halten, mithin rund die Hälfte aller Parlamentariersessel wiedergewinnen. Eine Koalition mit der SPD erscheint als undenkbar. Die Aussichten von Bayernpartei, FDP und BHE, noch einmal Abgeordnete in den Landtag zu schicken, sind recht mager. Wer immer von den drei kleinen Parteien es schafft, wird um jeden Preis versuchen, der CSU als Regierungspartner genehm zu sein. Dazu gehört, daß jeglicher Ministerpräsident bedingungslos akzeptiert wird, falls man nur selber einen Minister – und womöglich gar noch einen Staatssekretär – stellen darf.

Diese einfache Überlegung macht deutlich, daß ein CSU-Mann, der im Dezember Bayerns Regierungschef werden möchte, mit den potentiellen Koalitionspartnern nicht zu rechnen braucht. Wichtig ist es allein, daß er die Majorität seiner Fraktion hinter sich hat. Im Gegensatz zu den Konkurrenten in der eigenen Partei hat Hundhammer diese Notwendigkeit rechtzeitig erkannt und seit 1957 entsprechend gehandelt.

Sein Aufstieg nach dem Kriege war zunächst steil, aber als übertrieben sittenstrenger Kultusminister (1946 bis 1950) exponierte er sich sehr, für außerbayerische Begriffe fast bis zur Lächerlichkeit. Unvergessen sind vielerorts noch heute sein Verbot des „Abraxas“-Balletts und sein Eintreten für die Prügelstrafe.

Später amtierte er als Landtagspräsident; vier Jahre später jedoch ersetzte ihn seine Partei auch auf diesem Posten. Aus dem geschäftsführenden Landesvorstand der CSU war er schon vorher hinausbugsiert worden. Die Stellung eines Fraktionschefs, die er einst innegehabt hatte, bekam er nicht wieder; ihm blieb gerade noch der Vorsitz des CSU-Bezirksverbandes Oberbayern, eine durchaus zweitrangige Funktion.

So begann Hundhammer 1957 praktisch von vorne. Etwas Neues war inzwischen eingetreten: Seine pointierte Gegnerschaft zu Franz-Josef Strauß – lange parteiintern eine schwere Belastung – wirkte sich nun zu seinem Vorteil aus. Um ihn scharten sich die Widersacher des Bundesverteidigungsministers.