Von Otto Köhler

Kritik soll, so hört man mancherort, nicht verletzen oder gar zerstören. Sie soll, wo sie tadeln möchte, nie vergessen, daß hinter dem Werk ein Autor steht, der ringt. Das, was der Verfasser wollte, gelte es zu begreifen, nicht aber, das Geschriebene böswillig zu bemäkeln. Nicht niederreißen soll Kritik, sondern erheben.

Und in der Tat: eine destruktive Kritik würde vermutlich behaupten, der Band

Adolph Freiherr von Knigge: „Über den Umgang mit Menschen“, ausgewählt und eingeleitet von Iring Fetscher; Fischer-Bücherei 434, Frankfurt; 200 S., 2,40 DM

sei von einem leichtfertigen Ignoranten herausgegeben; doch mit einem solchen Pauschalurteil begäbe sich der Rezensent der Möglichkeiten, die ihm erst eine alles verstehende positive Kritik eröffnet.

Zugegeben, schon das erste Blättern in diesem Band macht stutzig. Man schlägt – natürlich zuerst – das Kapitel „Über den Umgang mit Frauenzimmern“ auf und sucht vergebens die Stelle, an der Knigge über die „Bösewichte“ herzieht, die „unschuldige, unerfahrneMädchen ... zum Laster verführen“, indem sie nämlich „durch leichtfertige Reden und luxuriösen Witz ihre Neugier und ihre Sinnlichkeit“ reizen (dritte verbesserte Auflage 1790, II, 105 f.). Diese Warnung fehlt in Fetschers Ausgabe. Warum? Wer, bitte, weiß heute noch, daß man unschuldige Mädchen nicht verführt? Und warum läßt Fetscher gleich darauf Knigges Überlegung stehen, daß „jedes Weib zu verführen sei“, weil „wir alle“ eben „Menschen“ sind? Warum fehlt wiederum Knigges Warnung vor dem „Umgang mit groben Coketten und Buhlerinnen“, seine Aufforderung, „diese Art Weiber“ zu fliehen „wie die Pest“ (II, 108)?

Destruktive Kritik würde sich mit der Feststellung begnügen, man könne ein so vorzügliches Kulturdokument wie Knigges „Umgang“ nicht in Auswahl drucken oder dürfe doch zumindest die Auswahl nicht so gestalten wie Fetscher, der wichtige Stellen streicht, weniger bedeutende aber wiedergibt. Eine schlechte, eine schludrige Editionsleistung, das wäre das Pauschalurteil einer negativen Kritik.