Fünfunddreißig Wissenschaftler und Publizisten nehmen die Bundesrepublik unter die Lupe

Von Alfred Kellner

Der 13. August schuf eine Zäsur nicht nur höchst augenfälliger architektonischer Art. Er war ein Einschnitt auch in die deutsche Nachkriegsgeschichte. Wo immmer seine letzten Ursachen liegen und so schwer auch zu sagen ist, ob man je Besseres hätte erreichen können – dieser Tag bewies, daß eine Wiedervereinigung unter bundesrepublikanischen Vorzeichen auf absehbare Zeit nicht zu erwarten ist. Die Politik Bonns hat bedeutende Erfolge vorzuweisen. Daß sie ein wirksames Instrument deutscher Einheit gewesen sei, kann jetzt der Wohlwollendste nicht mehr behaupten.

An solchen Wegmarken ist es von Nutzen, einmal Rückschau zu halten, abzurechnen über Getanes und Versäumtes, weshalb ein Unternehmen wie die

„Bestandsaufnahme“ – Eine deutsche Bilanz 1962, herausgegeben von Hans Werner Richter; Verlag Kurt Desch, München; 592 S., 19,50 DM

von vornherein sinnvoller anmutet als jene Flut von Mauer-Dokumentationen, die zumeist nur Souvenir-Funktionen erfüllen. Fünfunddreißig Wissenschaftler, Schriftsteller und Journalisten gehen vor allem mit der Bundesrepublik ins Gericht; wenn der Desch-Verlag je einen aktuellen und zugleich ertragverheißenden Einfall hatte, dann in diesem Fall.

Der Autorenliste freilich begegnet man mit Skepsis. Hans Werner Richter als Herausgeber hat sich nicht versagen können, neben nüchternen und qualifizierten Köpfen auch solche heranzuziehen, deren Eignungsnachweis sich im Ruf exzentrischer Maßlosigkeit erschöpft, und ihre Beiträge scheinen denn zunächst auch der Befürchtung recht zu geben, daß der Band mehr hallenden Paukenschlag denn brauchbare Analyse zeitigen würde. Da wäre Wolfgang Abendroth, Professor für wissenschaftliche Politik in Marburg, von der SPD wegen Zugehörigkeit zur „Sozialistischen Förderergesellschaft“ ausgeschlossen.