Der Funkmann Walter Hilpert ist plötzlich gestorben, und alle, die ihn kannten, sind tief bewegt von dieser Nachricht. In der Epoche der Langlebigkeit stirbt er mit 54 Jahren. In der Zeit hochentwickelter medizinischer Aufklärung stirbt er am Herzschlag, am modernen Pestersatz, an der „Manager-Krankheit“. Und dies, nachdem ein großer Spezialist, der ihn unlängst dazu bewogen hatte, um Gottes willen nicht mehr für den Posten des Funk-Intendanten zu kandidieren, ihm mehr als einmal über furchtbare Krisen hinweggeholfen hatte. Die Todesursachen eindeutig zu nennen – daran sollte uns nun kein Mitgefühl mit seinen Hinterbliebenen hindern dürfen: Walter Hilpert, der zuletzt Programmdirektor des Norddeutschen Rundfunks war, starb so früh, weil er sich als Intendant desselben Senders vorzeitig verschlissen hatte.

Diese Zeilen sind ein Protest. Ich war mit Hilpert befreundet, wie ich mit seinem Vorgänger Ernst Schnabel befreundet bin, dessen Gesundheit ebenfalls in Gefahr war, zerrüttet zu werden, solange er auf dem Funkintendanten-Posten aushielt. Muß es denn sein, daß große Institutionen, die von den politischen Mächten kontrolliert werden, den jeweils verantwortlichen Mann überfordern? Aber es scheint, daß Funk- und Fernseh-Intendanten derzeiten aus dem Kreise jener Männer kommen, die wissen, wie man sich wehrt, wie man Interessen „ausschaukelt“, wie man das beseeligende, aber auch gefährliche „Massenkommunikationsmittel“ so bewältigt, daß bald der eine, bald der andere das Heft in der Hand hält, worauf zum Schluß alles bleibt, wie es ist: intern die Intrigen, extern die hochklingenden Forderungen,

Walter Hilpert hat seine Gesundheit und sein empfindsames ostpreußisches Herz daran ruiniert, daß er unschuldig genug war zu glauben, Funk und Fernsehen seien Hilfsmittel von Gott geschaffen (denn Hilpert war tief religiös), das Gute, das Wahre, das Seelenrührende, das Erdenleid der Menschen und ihre Heiterkeit möglichst vielen Menschen mitzuteilen, Millionen von Menschen.

Wäre Hilpert nicht ein so überzeugter Humanist und daher ein so sensibler Mensch gewesen – er wäre noch am Leben. Weil er aber ein empfindsames Herz hatte, nahm er sich viel zu Herzen. Und so ist er am Herzen gestorben.

Für seine Bescheidenheit spricht, daß er, nachdem er Intendant – also höchster Chef des Hauses – gewesen war, sich mit dem Posten des Programmdirektors beschied. Ein Bescheidener? Nur aus der Sicht der Funktionäre gesehen! Er selber wußte, daß ein Mikrophon oder eine Kamera begabt seien, das Leben einzufangen, Böses anzuprangern, Gutes widerzuspiegeln. Dies zu wissen war das Gesetz, nach dem er angetreten war: der Mann aus Masuren, der sich früh dem Rundfunk in Königsberg verschrieben hatte, und der nach dem Kriege und nach seiner Flucht dann bald Karriere in Westdeutschland machte, weil er – nein, keine Verbindungen hatte, sondern etwas konnte. Ein Funkmann aus Leidenschaft und mit einem einzigen Fehler: zu sensibel für den Funkbetrieb.

Adieu, Walter Hilpert! J. Müller-Marein