Von Thomas v. Randow

Warum sieht der Mond am Horizont größer aus, als wenn er im Zenit steht? Mit dieser jahrtausendealten Frage haben sich zwei amerikanische Psychologen, Lloyd Kaufman und Irvin Rock, seit einigen Jahren beschäftigt. Ihre Antwort, die nunmehr in den letzten beiden Ausgaben von „Science“, dem offiziellen Organ der bedeutendsten wissenschaftlichen Gesellschaft Amerikas, erschienen ist, überrascht keineswegs.

Sie bestätigt vielmehr eine Vermutung, die schon Ptolomäus geäußert hat: Der Mensch kann sich nicht von der unbewußten Vorstellung befreien, die Himmelskörper seien leuchtende Punkte und Scheiben an einem Gewölbe. Die Form dieses imaginären Himmesgewölbes wird aber nicht als halbkugelförmiges Gebilde, etwa als große Käseglocke, empfunden, sondern sie erscheint abgeflacht, am Horizont weiter von uns entfernt als über uns. Diese Illusion wird von dem vertrauten Bild der Landschaft hervorgerufen, die gewissermaßen als Bezugssystem im Beobachtungsfeld erscheint, wenn wir zum Horizont blicken. Hoch am Himmel jedoch fehlt uns jeder Vergleich, der ein Gefühl für Distanz vermitteln könnte, und deshalb erscheinen uns die Dinge, die wir dort sehen, näher. Da sich nun die objektive Bildgröße des Mondes nicht ändert, ob er nun oben oder unten steht, wir ihn aber am Horizont weiter entfernt vermuten, kommt es uns so vor, als wäre er an dieser Stelle größer. Mit raffinierten Versuchsanordnungen haben Kaufman und Rock die ptolomäische Annahme beweisen können.

Man mag sich fragen, ob all dieser Aufwand notwendig war, nur um eine optische Täuschung zu untersuchen. Indessen sind es eben diese Fehlleistungen unserer Sinnesorgane, die der Wissenschaft Auskunft über den Prozeß der Wahrnehmung geben können. So haben gerade die optischen Illusionen in den letzten Jahren zu neuen Einsichten in den Mechanismus der Auswertung visueller Informationen durch das Gehirn geführt.

Wenn man eine Zeitlang das schematische Diagramm eines nicht perspektivisch dargestellten Würfels betrachtet, dann ändert sich periodisch seine scheinbare Orientierung im Raum. Einmal sieht man ihn schräg von oben, dann wieder von unten. Für dieses seit langem bekannte Phänomen fand der Gestaltpsychologe Wolfgang Köhler zusammen mit seinen Kollegen am Swarthmore-College eine neue Deutung: Die Impulse, die von den angeregten Sehzellen der Netzhaut ausgehen, bauen, so glaubt Köhler, in dem ihnen entsprechenden Teil des Sehzentrums im Gehirn ein Gleichstromfeld auf, das wie ein elektrischer Widerstand den Impulsstromkreis blockiert. Deshalb müssen die ankommenden Impulse umgeleitet werden, zu anderen Hirnelementen, die nunmehr die Koordinierung übernehmen, und zwar auf ihre spezifische Art und Weise. Das zunächst angeregte Hirngebiet verarbeitet die einzelnen Informationen der Bildpunkte zu einer von links oben betrachteten Würfelgestalt; der zweite Koordinator aber, der nach einiger Zeit einspringen muß, weil der erste nicht mehr aufnahmefähig ist, fügt die Impulse zu der anderen möglichen Deutung des Bildes zusammen. Inzwischen verringert sich jedoch die Intensität des ursprünglich erzeugten elektrischen Feldes und damit auch sein Widerstand gegen die Nervenströme; das erste System von Nervenzellen wird erneut arbeitsfähig, während jetzt das zweite erlahmt: der Würfel erscheint wieder in seiner alten Gestalt.

Köhlers Hypothese, die durch elektrische Messungen am Gehirn weitgehend bestätigt wurde, erklärt eine ganze Reihe von seltsamen Wahrnehmungserscheinungen, auch solche, die nicht von optischen Eindrücken hervorgerufen werden. Zum Beispiel kann der Tastsinn von „Nachbildeffekten“ getäuscht werden. Wenn man eine Versuchsperson etwa dreißig Sekunden lang mit den Händen über zwei verschieden breite Holzkanten streichen läßt und dann die schmalere der beiden Kanten durch eine andere, nur wenig breitere ersetzt, dann wird das Format des neuen Holzstücks überschätzt. Offenbar haben auch hier die von den Tastnerven der beiden Hände ausgehenden Impulse diejenigen Hirnzentren, deren Aufgabe es ist, sie zu einer Gestalt zusammenzufügen, und auch deren Nachbargebiete bereits blockiert. Die Koordinierung der neuen Information muß also ein Ersatzapparat übernehmen, der eine den Dimensionen der abgetasteten Kante nicht mehr entsprechende Vorstellung hervorruft.

Die Nachbildtheorie ist trotz des Nachweises der in ihr postulierten Existenz elektrischer Gleichstromfelder in den angeregten Hirngebieten zunächst noch eine Modellvorstellung. Sie bestärkt indessen eine Annahme, die sich in den Spekulationen über die menschliche Wahrnehmung immer mehr durchzusetzen scheint, die Auffassung nämlich, daß die Klassifizierung von Sinneseindrücken durch das Gehirn weitgehend von den Informationen motiviert wird, die bereits früher eingetroffen sind. Mit jedem Impuls, der vom Gehirn verarbeitet wird, werden die Empfangsbedingungen für zukünftige Informationen zeitweilig oder gar dauernd verändert.