Wimbledon 1962 ist vorüber. Bei den Herren (treffender wäre wohl Männern) waren die Australier unter sich. Man könnte annehmen, daß sie nur noch aus reiner Commonwealth-Courtoisie ins einstige Mutterland gekommen wären. Warum münzen sie ihre einzigartige Überlegenheit, die in Rod Lavers Spiel und Sieg kulminierte, nicht in offizielle Weltmeisterschaften um, die sie statt der inoffiziellen in Wimbledon nach Sydney oder Melbourne ausschreiben? Was könnte da im Augenblick an Reisegeldern gespart werden! Die Australier würden die Weltmeisterschaft allein austragen; alle übrigen Spieler in der Welt könnten zu Hause bleiben. Eine Chance haben sie ja doch nicht.

Aber gerade um die Reisespesen von Erdteil zu Erdteil geht es ja nicht zuletzt, wenn wir vom Nimbus des Tennismekka Wimbledon einmal absehen. Man fliegt einmal nach Europa und bezahlt ein einziges Mal die Passage, zieht von Turnier zu Turnier und rechnet dann jedesmal mit dem Veranstalter wieder den Flug von Australien und zurück ab. So läßt es sich gut leben.

Die letzten Vier waren alle aus Australien, darunter die Gebrüder Fraser, an ihren Tonsuren auch von der Rückseite aus sofort zu erkennen. John, der Dr. med., war eine Rarität im Wimbledon der Nachkriegsjahre. Akademische Grade pflegen die harten hochtrainierten Burschen aus dem 5. Kontinent im allgemeinen nicht zu führen. Und mehr noch: Der junge Arzt ließ tatsächlich eine Spezies noch einmal auferstehen, die man im großen Welttennis schon ausgestorben wähnte: den Amateur!

Wie geriet der Dr. med. nur in das illustre Quartett? Nun, er verdankte es auch seinem Gegner Emerson – natürlich auch ein Australier –, der im Viertelfinale aufgeben mußte. Aber Dr. John Fraser ist ein hochbegabtes Talent. Mit 18 Jahren schon war er australischer Jugendmeister, und vermutlich wäre er auch einmal Wimbledon-Sieger geworden, wenn er so wie die anderen täglich drei Stunden lang einen weißen Ball mit einem Rackett über ein Netz geschlagen und Lauf- und Krafttraining absolviert hätte. Aber ihn nahm das Medizin-Studium mehr gefangen, und er spielte nur dann, wenn’s ihm Spaß machte, mit dem weißen Ball. Seine Vorstellung auf Wimbledons geschorenem und geschundenem Rasen war dann auch dilettantisch. Ein Sonntags-Spieler, dem ab und zu einmal ein Schlag gelang, schien sich unter fast perfekt funktionierende Roboter verirrt zu haben. Dr. John entschuldigte sich dann nach dem Match und meinte, er sei sonst wirklich nicht so schlecht. Aber er brauchte sich gar nicht zu entschuldigen. Das Intermezzo war wirklich reizend. Das kommt so schnell nicht wieder! Dafür machte aber Dr. John bei der Hoflogen-Verbeugungszeremonie die beste Figur. Die anderen Kerle hatten keine Zeit gehabt, auch noch diese verdammten komischen Verbeugungen zu trainieren.

Aber weit mehr Kopfzerbrechen machte Vera Sokuva die Frage: Hofknicks oder nicht? Was sollte sie tun? An der Hofloge einfach vorbeilaufen? – Unmöglich! Oder aber einen vollendeten Hofknicks machen wie all die anderen Tennisdamen aus dem Westen? – Ganz unmöglich. Was würden die Funktionäre in Prag sagen! Aber einer von ihnen hatte sie wohl nach England begleitet, und er war es wohl, der die salomonische Lösung ausheckte, mit der Vera sich einigermaßen aus der Affäre ziehen konnte: Sie machte einfach nur eine etwas unbeholfene Andeutung eines Hofknickses. Für das englische Publikum war es einer, für die Prager Funktionäre aber war es keiner!

Vera, die in Wimbledon nicht einmal gesetzt worden war, arbeitet, wenn sie nicht gerade Tennis spielt, in einer Flugzeugfabrik. Sie war zwölf Jahre älter als ihre Gegnerin, die 19jährige, frisch verheiratete Miß Susman aus den USA. Unter all den eleganten Tennisladies mit ihren raffinierten Kostümchen, wobei ja seit geraumer Zeit die Spitzenhöschen neckische Akzente in die harte Wimbledon-Welt setzen, wirkte Vera wie eine schlichte, aber schlaue Bäuerin, so wie Nina Chruschtschows in den Salons der westlichen Welt. Und genau wie diese hatte sie auch bei den Angelsachsen Sympathie. Das wäre einmal ein Stoff für Tiefenpsychologen! A. M.