Ernährungskrise in ganz Osteuropa

Die Ostblockländer stehen in diesem Sommer vor einer Ernährungskrise sehr großen Ausmaßes. Die Ernte in einem halben Dutzend Länder Osteuropas droht katastrophal schlecht auszufallen. Und das wenige, was auf den Feldern heranwächst, wird wahrscheinlich nur zum Teil eingebracht werden, weil die Bauern den Maßnahmen der Regierungen mit offener oder versteckter Renitenz begegnen.

Außerordentliche Notmaßnahmen wurden jetzt ergriffen, um eine totale Mißernte in den Neulandgebieten der Sowjetunion zu verhüten. Die meisten europäischen Ostblockstaaten folgten mit ähnlichen Akten der Verzweiflung – so Bulgarien, Rumänien, Ungarn, die Tschechoslowakei und die Sowjetzone.

Die Natur hat den kommunistischen Planern einen Strich durch die Rechnung gemacht und die Schwächen des politischen Systems aufgedeckt. Im Donaubecken zum Beispiel war das Frühjahr überaus kalt, dann kamen Hitze und Dürre, der Juni wiederum wurde so kalt wie seit siebzig Jahren nicht mehr. So miserabel wie das Wetter war aber auch die Stimmung der Bauern. Bisher hatten sie ihren Unwillen gegen die Kollektivierung so geäußert, daß sie nur widerwillig das taten, was man von ihnen verlangte, aber auch keinen Handschlag mehr. Diese Methode hat immerhin dazu geführt, daß einige der reichsten Ackerbaugebiete Europas – die weiten Ebenen Ungarns, die fruchtbaren Ländereien von Mähren –, die früher große Mengen landwirtschaftlicher Erzeugnisse exportierten, heute kaum ihren eigenen Bedarf decken können.

Dieses Jahr nun arbeiten die Bauern in vielen Gegenden besonders langsam, außerdem wurden zahlreiche Fälle von Sabotage berichtet. Die hastigen Bemühungen, von der Ernte zu retten, was noch zu retten ist, scheinen schon nach vierzehn Tagen steckengeblieben zu sein. In amtlichen Erklärungen werden schwere Verluste an Weizen, Zuckerrüben und Viehfutter vorausgesagt. Fast ununterbrochen diskutieren die Spitzenfunktionäre in den Hauptstädten. Schon sind einige Landwirtschaftsminister und Leiter von Planungsbüros abgesetzt worden. In Ungarn hat die Regierung zugegeben, daß ein Teil der Mißstände auf das „schwierige Verhältnis“ zwischen Parteibeamten und Bauern zurückzuführen ist.

Der bulgarische Parteichef, Schiwkoff, hat zur „Mobilisierung aller nationalen Kräfte“ aufgerufen: zuerst zur Anlage von Bewässerungsgräben, dann zur Einbringung der Ernte. Siebenhunderttausend „Pioniere“, Kinder zwischen sieben und, vierzehn Jahren, haben sich verpflichtet, auf den Feldern zu arbeiten. In der Tschechoslowakei ist – wie in der Sowjetunion – die Organisation zur Verwaltung und Instandsetzung der Landmaschinen zusammengebrochen. Dem sowjetischen Beispiel folgend, haben auch verschiedene Satellitenländer die Preise für Fleisch und Butter heraufgesetzt.

Selbst Polen, das sich der Kollektivierung widersetzt und dadurch die höchste Produktivitätsquote von allen Ostblockländern gehalten hat, leidet unter den Unbilden des Wetters und muß 1,5 Millionen Tonnen Getreide aus dem Westen einführen.