Von Walter Boehlich

Im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts gibt es keine Literatur, die sich der spanischen vergleichen könnte, keine politische Macht, die an Ausdehnung Spanien gleichkäme. Das Mittelmeer ist, geschützt durch die Königreiche Sizilien und Neapel, nahezu ein spanisches Binnenmeer, wenn auch vom Süden her durch algerische Seeräuber, vom Osten her durch die Türken bedroht. Ein ebensolches spanisches Binnenmeer ist das Karibische Meer, zwischen Mittelamerika und den Westindischen Inseln, das Freibeuter und Engländer unsicher machen, eingeschlossen vom Vizekönigreich Neuspanien, an das sich im Süden, gegen den Pazifischen Ozean, das Vizekönigreich Peru anschließt. Die überseeischen Besitzungen der niedergehenden Portugiesen wie der aufsteigenden Niederländer und Engländer sind dagegen unbedeutend; erst später wird das spanische Weltreich an ihnen zerbrechen.

Die unbesiegliche Armada freilich ist damals schon besiegt, von den Elementen, wie die Spanier ihrem König gerne nachsagen. Die außenpolitischen Schwierigkeiten werden überglänzt von der Entfaltung der Künste. Die letzten sechzehn Lebensjahre von Cervantes fallen in das 17. Jahrhundert, Góngora stirbt 1627, Lope de Vega, Quevedo und Tirso de Molina stehen in ihrer Blüte, die große Zeit von Calderon und Graciän wird erst anbrechen.

In diese Jahrzehnte gehören die ganz unliterarischen Taten eines spanischen Haudegens, der, da er über den Hauptmannsrang nicht hinauskam und an Ruhm und Glanz von allzuvielen seinesgleichen übertroffen wurde, längst vergessen wäre – wie er in der Tat mehr als zweieinhalb Jahrhunderte vergessen war –, hätte er sich nicht aus uns unbekannten Gründen entschlossen, einen Bericht seines abenteuerlichen Lebens niederzuschreiben, der durch Zufall auf uns gekommen ist:

„Das Leben des Capitän Alonso de Contreras, von ihm selbst erzählt“, übersetzt von Arnald Steiger, mit einem Vorwort von José Ortega y Gasset; Manesse Verlag, Zürich; 395 S., 11,10 DM.

Die Tatsache selbst dieses Berichtes gibt uns Rätsel genug auf. Da ist dieser Kriegsmann aus kleinen Verhältnissen, der als Küchenjunge angefangen und sich nach und nach emporgedient hat, durch niemanden und nichts begünstigt als durch eine unzweifelhafte, blindwütige und dreiste Tapferkeit, der wohl lesen und schreiben gelernt hat, von der Bildung seiner Zeit aber vollkommen ausgeschlossen war und von dem Ortega y Gasset behauptet, er habe zeitlebens nie ein Buch gelesen.

Hat er das wirklich nicht? Kommt einer, der nicht liest, auf den Gedanken zu schreiben? Was ist über diesen Menschen gekommen, daß er, wenn man seinen eigenen Worten trauen kann, nach einer Audienz beim Papst, endlich zum Ritter des Johanniterordens ernannt, die ersten elf Oktobertage des Jahres 1630 damit verbringt, in sechzehn Kapiteln sein Leben zu schildern, und zwar ganz offensichtlich nicht zu seinem Privatvergnügen, sondern für ein literarisches Publikum? Hat er ein Buch schreiben wollen oder eine versteckte Rechtfertigungsschrift?