Man darf behaupten, daß sich die Russen stets intensiver mit Deutschland beschäftigten als die Deutschen mit Rußland. Die deutsche Russophilie plätscherte in Wellen dahin, die russisch Germanophilie war gleichmäßiger und trotzdem hingegebener. Für die Deutschen (wie auch für andere Westeuropäer) blieben die Russen, ob gehaßt oder geliebt, verachtet oder angehimmelt, fast immer Exoten. Die russische Europafreundlichkeit, die sich nicht auf die sogenannten Westler beschränkte, wollte im Westeuropäer dagegen den Bruder erkennen. Der gebildete oder sonstwie gehobene Russe hatte mehrere Vaterländer; und oft hieß eines davon: Deutschland.

Das gilt vor allem für das neunzehnte Jahihundert. Da sich aber die russische Nationalkultur erst damals gültig ausprägte, überdies zu einer Hochblüte, die Paul Valéry neben Antike und Renaissance hat stellen können, darf diese Epoche für das Ganze stehen; sie überstrahlt alles Frühere und setzt sich, stärker als anderswo, in der Gegenwart fort. Damals wurden alle westlichen Regungen sofort vermerkt und nachvollzogen – sofern sie nicht schon vorweggenommen waren. Nicht Imitatoren waren hier am Werk; im Gegenteil: das Original wurde oft bis zur Unkenntlichkeit deformiert, manchmal übrigens zu seinem Vorteil. Schwerlich hat beispielsweise der Positivismus dadurch verloren, daß ihn die Russen zur subjektiven Soziologie verarbeiteten. Ein boshafte abendländisches Ondit will wissen, Marxens Erbe sei nur deshalb verludert, weil es in russische Köpfe und Fäuste geriet.

Wie immer man die Rezeption der politischen Leitbilder beurteilt, es wird sich nicht gut abstreiten lassen, daß den Russen bei der Aufnahme und Ausformung ästhetischer Impulse allerhand Gedeihliches und Stichhaltiges einfiel. Walter Benjamin verwunderte sich seinerzeit über die übertrieben; Wertschätzung eines Oskar Walzel in Rußland Benjamin wußte nicht, daß man in Walzel drüben einen Mann achtete, der zusammen mit einigen anderen Deutschen die russischen Formalisten zu ihren viel bedeutenderen Literaturtheorien angeregt hatte. Einen Anreger zu verehren, selbst wenn man über ihn hinaus ist, mag freilich eine nicht erlernte, sondern angeborene Eigenschaft russische – Geistigkeit sein.

Aber auch Größere und Größte erwarben in Rußland Wahlheimatrechte. Neben französischen, englischen, italienischen, spanischen und antiken Autoren fanden seit dem späteren achtzehnten Jahrhundert auch viele deutsche Schriftsteller Eingang und Herberge. Seit dem frühen neunzehnten wetteiferten Goethe und Schiller mit Byron um die Gunst eines ausgewählten, aber ständig anwachsenden und stets begeisterungsfähigen Publikums. Unter den Dichtern gab es kaum einen, der sich nicht übersetzend oder paraphrasierend am „Faust“ versucht hätte; die bislang reifste Frucht dieser Hingabe, die Gesamtübertragung durch Boris Pasternak, hat, sich ja auch in Deutschland herumgesprochen. Ähnlich erging es Heine, aus dessen russischen Fassungen sich fast eine Stilgeschichte der russischen Lyrik ableiten ließe, ohne daß Heine deshalb zu Gejne werden mußte. Im russischen Symbolismus zu Beginn unseres Jahrhunderts wurden die deutschen Klassiker und Romantiker, nach einer Vergleichsweise poesiefernen Zwischenzeit, noch einmal sehr ernst genommen. Sogar ein grusinischer Symbolist konnte, durchaus im Sinne seiner russischen Freunde, von Novalis als von seinem Freund und Widersacher sprechen.

Ihren Höhepunkt erreichte die schöpferische Rezeption deutscher Dichtung jedoch bereits in der Gestalt des Romantikers Shukowskij. Selber ein bedeutender Lyriker, hat er viel Mühe und Talent darauf verwendet, ausländische Dichter in Rußland heimisch zu machen. Seine zahlreichen Nachdichtungen tun weder den fremden Originalen noch Shukowskijs eigener Originalität Abbruch. Sie gehören der russischen Poesie, vielfach dem russischen Leben an und lassen dennoch den Ursprung erkennen.

Eine deutsche Antwort auf Shukowskij ist bisher ausgeblieben, wie sehr sich auch Johannes von Guenther für diesen Ruhm abplackt, und obwohl Celans Experimente an moderner russischer Lyrik, zumindest in den wenigen gelungenen Fällen, die grundsätzliche Möglichkeit einer solchen Antwort vermuten lassen. Freilich gab es einen Shukowskij auch in Rußland nur einmal: in einer Sternstunde der Weltliteratur; doch der Stern hat sein Licht noch nicht verströmt. Kleiner im Umfang, aber gleich an Gewicht sind Lermontows Nachdichtungen aus Goethe und Heine; auch hier verwischt sich, bei bleibender Prägnanz und Differenz der Werke, die Grenze der Literaturen.

Die Philosophen des deutschen Idealismus fanden in Rußland ebenfalls, zumeist noch bei Lebzeiten, Schüler, Bewunderer, Nacheiferer und Tadler; am eingehendsten wurde bisher der Einfluß von Hegel und Schelling erhellt, doch auch in diesem Bereich der Forschung bleibt das meiste noch zu tun.