Von Wolf Jobst Siedler

„Und selbst die Musik der Wirtshäuser, welche den einen fröhlich, den anderen rasend macht, sie ruft in mir einen tiefen Ausbruch andächtiger Gefühle hervor.“ – Sir Thomas Browne („Religio medici“, 1642)

Seit einer Reihe von Jahren beschäftigen sich Einzelpersonen, Studienkommissionen und Evangelische Akademien ohne Unterlaß mit dem Fernsehen. Im Laufe von ein paar Dutzend Kongressen hat sich Einhelligkeit herstellen lassen, daß das Instrument von Übel ist. Nur über das Maß der Unzuträglichkeit, die mit dem Fernbilde verbunden ist, bestehen noch Meinungsverschiedenheiten, wenn auch als Ergebnis der weitläufigen Diskussionen festzustehen scheint, daß vor allem Kinder und Greise den gesundheitlichen Anforderungen der Röhre nicht gewachsen sind.

Das möge auf sich beruhen, obwohl die Nachricht vom jüngsten Doppelmord im Anschluß an eine Fernsehsendung gewisse Rückschlüsse auf die pädagogische Unergiebigkeit des Apparates nahelegt. Weit mehr bringt die künstlerische Aburteilung des Fernsehens auf, die heute allgemein geworden zu sein scheint und lauthals auch von denen geäußert wird, die mit der Angelegenheit sozusagen beruflich befaßt sind und aus einer Reihe von Gründen. Anlaß hätten, dem Medium gewogen zu sein: den Schauspielern und Regisseuren.

Sie behelfen sich, indem sie ihr Mißfallen weniger den Produzierenden als den Konsumierenden zuwenden. Nicht technische Unzulänglichkeiten erregen ihren Unmut und auch nicht die künstlerische Qualität; sonst wären sie wohl nicht, von Sellner bis zu Kortner, zur Mitarbeit geschlossen erbötig. Die Schuld fällt hauptsächlich dem Bürger zu, der nichtsahnend abends seinen Knopf bedient.

Er ist es, der dem Fernsehen alle künstlerische Würde nimmt, und zwar aus leibesfroher Bequemlichkeit. Er weigert sich, in jene ehrerbietige Trance zu verfallen, die man der Kunst gegenüber erwarten darf und deren physiognomischer Ausdruck dem Parkett „ein gemeinsames Lächeln blöder Selbstvergessenheit“ gibt, das Felix Krull anläßlich des Auftretens von Müller-Rose zu einigen Erkenntnissen über das Theater stimulierte.

Der Fernseher bleibt, und das macht ihn der Bühnenwelt tief verdächtig, geistesgegenwärtig. Er spricht mit seinen Nachbarn. Er inhaliert (und über die konsumfördernde Betrachter-Nervosität gibt es volkswirtschaftliche Gutachten) Gifte. Er nimmt die verschiedensten Flüssigkeiten zu sich und treibt – etwa in weiblicher Gesellschaft – auch sonst noch allerlei, was von Unbotmäßigkeit gegenüber dem Geist der Kunst zeugt. Kurz: das Fernsehen stellt – und zwar einfach durch die Art, in der es aufgenommen wird – den Verfall des Theaters dar.