Von Alex Nathan

Vor einigen Monaten hatte ich in einem Beitrag auf die Tendenz verwiesen, die sich unter den Spitzenfunktionären manchen Sports geltend macht, diktatorisch in die persönliche Entscheidungsfreiheit des einzelnen Sportmanns einzugreifen und in ihrer eigenen Tätigkeit ein Äquivalent zum „Spesenkonto“ des Industriekaufmanns zu sehen. Der Sportredakteur der ZEIT hat dieses Thema später aufgegriffen, um deutscherseits ein wenig Balsam auf die schmerzenden Wunden einiger Herren zu streichen, die sich zu Unrecht verletzt gefühlt glaubten. Es wäre interessant zu lernen, was sie über die folgenden Tatsachen zu sagen haben, die in einem soeben; in England erschienenen Buch gedruckt sind. „FLYING FEET“ stammt aus der Feder Brian Hewsons, der seine Ansichten dem Journalisten Peter Bird diktiert hat und sie soeben im .Verlag Stanley Paul (21 sh) hat erscheinen lassen.

Brian Hewson gehörte zwischen 1950 und 1960 zur Garde der englischen Mittelstreckenläufer, der frühzeitig die Meile unter vier Minuten gelaufen ist, sich 1958 in Stockholm die Europameisterschaft über 1500 m geholt hat und einige weitere Rekorde zu verbuchen wußte. Das Buch ist nicht interessanter als die Denkwürdigkeiten anderer Läufer, deren Stern heute leuchtend strahlt, um morgen bereits im Nebel der Vergessenheit zu verschwinden. Interessant ist allerdings, was Hewson euphemistisch „die Unbeugsamkeit der englischen Leichtathletik-Bürokratie“ nennt (p. 13). Hewson, der sich die Goldmedaille über 800 m auf den Olympischen Spielen von Rom holen wollte, berichtet dann die unglaubliche Geschichte, der er sein frühzeitiges Versagen in Rom zuschreibt, Anfang August 1960 hatte sich Hewson im Training ziemlich verletzt. Er wurde von Dr. Bass, dem Sportarzt der „Arsenal“ behandelt, der ihm auf drei Wochen jedes harte Training strikt untersagte. „Vielleicht würde Rom nicht ein solches Fiasko ergeben haben, wenn die britische Behörde seiner Diagnose mehr Beachtung geschenkt hätte“ (p. 17). Trotz erheblicher Cortison-Einspritzungen ordnete die britische Leichtathletik-Behörde an, daß Hewson in einem Ausscheidungsrennen zu laufen hätte. „Mein Arzt rief Jack Crump an und sagte ihm, daß es völlig seine Verantwortung wäre, wenn er mich zum Laufen zwingen würde, zumal meine Verletzung in einer Woche völlig ausgeheilt sein würde“ (p. 17). Obwohl Hewson längst provisorisch für Rom gewählt worden war, „wurde mir klipp und klar bedeutet, daß ich nicht in die Olympiamannschaft käme, falls ich nicht am Rennen teilnehmen würde“ (p. 18). Er lief, stand das Rennen durch, fuhr nach Rom und schied im ersten Vorlauf mit erneuter Verletzung aus,

Hewson ist der Meinung, daß ihm das sture Verhalten seiner Behörde den olympischen Sieg gekostet hätte. Hier liegt wohl der Grund zu der folgenden Erklärung (p. 25): „Als ich von der Aschenbahn abtrat, hatten sich meine Ansichten erheblich geändert. Heute weiß ich, daß die Leichtathletik ein Sport ist, der einen erheblichen Anteil an Heuchelei besitzt, ein Sport, der eine Behörde hat, in der einige Menschen sitzen, die fast vergessen haben, daß es ihre Funktion ist, den Leichtathleten zu dienen und nicht sich selbst.“ Es fällt auf, daß eine Reihe anderer englischer Leichtathleten einen ähnlichen Satz in den letzten Jahren haben drucken lassen. Hewson fährt fort, daß es ihn eine Zeit in Anspruch genommen hätte, „zu entdecken, daß ein Athlet von internationalem Ansehen herumgestoßen werden kann. Er wird nicht immer seiner selbst wegen ausgewählt, sondern als Teil eines Tauziehens zwischen Spitzenfunktionären oder rivalisierenden Interessen“ (p. 35). Auf Seite 43 steht der folgende Satz: „In meiner Erfahrung mit der Leichtathletik-Behörde machte ich die Entdeckung, daß das, was einem mitgeteilt wird und was sich tatsächlich abspielt, zwei grundverschiedene Dinge sein können, Man kann sehr kunstfertig im Gebrauch von Worten werden, so daß sie etwas meinen können, was keine Lüge vorstellt... und doch nicht die Wahrheit ist.“

Hewson berichtet dann eingehend über die Revolte der Engländer im Olympiadorf von Melbourne, die damals kein Taschengeld erhielten. „Unser Verbandsführer betonte, daß man uns großzügigerweise drei Luftpostbriefe portofrei gegeben hätte und daß unsere Wäsche umsonst gewaschen würde!“ Über seine Europameisterschaft sagt er, daß der Verband keinen Anspruch hätte, an dieser Ehre teilzunehmen. Der 800-m-Läufer wurde gegen seinen Willen Von seinem Verband gezwungen, das 1500-Meter-Rennen zu bestreiten, da die Engländer für diese Strecke keinen anderen erstklassigen Läufer hatten. Die Vorgeschichte dieser Meisterschaft klingt unglaublich und ist die beste Illustration des Diktaturgehabes von Menschen, die aus kleinsten Verhältnissen kommen, Macht kosten und nun einer geistigen; Managerkrankheit anheimfallen. Sehr nachdenklich stimmt auch der Bericht über jenen britischen Reisebegleiter, der nicht mehr diese Funktion ausführen durfte, weil er, gemäß Hewsons Worten, das ganze Taschengeld der Mannschaft ausgezahlt hatte. Was soll man aber zu der Sportreise nach Trinidad sagen, an der fünf britische Leichtathleten, ein Radfahrer, zwei Mannschaftsführer und ihre Frauen teilnahmen? Hewson und zwei andere Sportsleute, die sofort in Trinidad starten sollten, mußten die lange Flugreise sitzend verbringen, während die Mannschaftsführung und ihre Damen Betten beziehen konnten. Hewson bringt auch genügend Beweise, daß ihm der Verband die Annahme von Auslandsstarts verboten habe beziehungsweise ihm die für ihn eingegangenen Einladungen vorenthalten hätte.

Aus diesen Gründen fordert Hewson, daß die Spitzenfunktionäre bezahlte Angestellte sein sollten, die „keine Privatinteressen verfolgen und nicht im Sport tätig sind, um dort gesellschaftlichen Ruhm zu suchen, freie Weltreisen zu haben und andere Nebeneinkünfte in die Taschen zu stecken“.