Ein bemerkenswerter Vorgang am Rande der Sozialgeschichte: Die Daimler-Benz AG hat auf dem Lämmerbuckel in der Schwäbischen Alb ein „Ausbildungszentrum“ für ihre Betriebsangehörigen eröffnet. In laufenden Lehrgängen aller Chargen, angefangen von den Lehrlingen über die Ausbildungskräfte, die Meister, den Führungsnachwuchs bis hinauf zu den Abteilungs- und Hauptabteilungsleitern sollen hier die technischen Kenntnisse und fachlichen Fähigkeiten der Daimler-Benz-Leute vervollkommnet werden; darüber hinaus aber soll auch, und darauf legte man bei der Einweihungsfeierlichkeit in der vergangenen Woche besonderen Wert, an dieser Stätte „der offenen menschlichen Begegnung“ jenseits des Sachlichen und Fachlichen ein echter „Bildungsauftrag“ übernommen werden – im Sinne „einer Hilfe zur Teilnahme am ganzen Leben“.

Man kann dieser Aktion eines weltbekannten Großunternehmens nur den besten Erfolg wünschen. Es ist ein Experiment. Soweit auf dem Lämmerbuckel Schulung im engeren und traditionellen Sinne getrieben wird, bleibt als Novum freilich nur die Tatsache, daß die Bestrebungen der in der Bundesrepublik bisher nur von Verbänden und Institutionen getragenen Führungsakademien hier nun auch von einem Unternehmen zu den seinen gemacht und in eigene Regie übergeführt werden. Was aber die Aus „Bildung“ im geistigen und ethischen Bereich angeht, so wird hier wirkliches Neuland betreten. Noch sind die Meinungen darüber sehr geteilt, ob auch das eine Aufgabe der Unternehmensführung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist.

Nun, die praktischen Erfahrungen, die man in den nächsten Monaten auf dem Lämmerbuckel gerade in dieser Hinsicht wird sammeln können, werden möglicherweise einiges Licht in diesen umstrittenen Fragenkomplex bringen. Vorerst und auf jeden Fall bleibt als historisches Faktum zu registrieren, daß die Sorge um den durch die Arbeitsteilung „sich selbst entfremdeten Menschen“ nun offenbar auch in die Betriebe selbst ihren Einzug zu halten beginnt.

Taylor, der Vorkämpfer der radikalen Trennung von planender und ausführender Arbeit, hielt das Denken während der Arbeit nicht nur für überflüssig; er untersagte es sogar, weil es den Mechanismus störe und die Leistung beeinträchtige. Seine Antwort auf Fragen eines wißbegierigen Arbeiters ist klassisch geworden: „Sie sollen gar nicht denken; fürs Denken werden andere Leute bezahlt.“ Von Henry Ford, dem Gründer der Ford-Werke und Pionier der Fließbandarbeit, ist ein anderer nicht minder klassischer Ausspruch überliefert: „Um Hand in Hand zu arbeiten, braucht man sich nicht zu lieben; allzuviel Kameradschaftlichkeit kann sogar von Übel sein.“

Heute, ein halbes Jahrhundert später, läßt es sich ein Unternehmen sogar etwas kosten, dem in den arbeitsteiligen Produktionsprozeß eingespannten Arbeiter wieder das Denken möglich und den Nächsten sichtbar zu machen. Taylorismus und Fordismus haben ihre Zeit gehabt... kr