Je differenzierter die Hochkonjunktur in den letzten Jahren verlaufen ist, um so häufiger waren und sind vor allem in jüngster Zeit aus Kreisen der Unternehmer mehr oder minder dramatische Äußerungen über die nächste Zukunft zu hören. Ein unbefangener Zuhörer könnte zuweilen den Eindruck gewinnen, mit Ausnahme weniger Branchen beginne das noch vor wenigen Jahren von der Welt bestaunte deutsche „Wirtschaftswunder“ sich mit zunehmender Beschleunigung in eine Krise zu verwandeln.

Wohltuend hob sich von solcher generalisierenden Schwarzweiß-Malerei der Überblick ab, den dieser Tage der Finanzchef des Hauses Siemens, Dr. Adolf Lohse, in Berlin über die derzeitige Lage des Unternehmens und die absehbare Zukunft vermittelte. Nun sind die Siemens-Betriebe zwar ein Teil der Elektroindustrie. Ein Haus von diesem Rang aber steht heute mehr denn je in engem Kontakt mit allen Bereichen der Wirtschaft, die nicht nur seine Kunden, sondern oft auch seine Zulieferer sind.

Die Tatsachen, die Dr. Lohse aus der Siemens-Perspektive anführte, waren im wesentlichen folgende: Trotz des bereits sehr hohen Standes erwartet die deutsche Elektroindustrie auch in den nächsten Jahren eine durchschnittliche Zuwachsrate von etwa 7 %. Wie im letzten Geschäftsjahr (30. 9.), als der Gesamtumsatz von knapp 4,1 auf fast 4,8 Mrd. DM gestiegen war, erwartet Siemens einen Zuwachs von 500 Mill. DM im Inland und 100 Mill. DM im Export, wobei der Sprecher sich selbst als „zu vorsichtig“ bezeichnete. Der Ausstoß dürfte um 14 bis 15 % den des Vorjahres übertreffen. Der Auftragsbestand liegt bis einschließlich Juni „mit kleinen Varianten“ auf dem hohen Vorjahresniveau und bedingt noch immer lange Lieferfristen. Für 1963 seien „sicher nicht“ Steigerungsraten wie in den letzten beiden Jahren zu erwarten, von Rückgang oder auch nur Stagnation könne aber nicht die Rede sein, erst recht nicht von Einbrüchen.

Hatte Siemens im letzten Jahr geglaubt, mit 483 nach 300 Mill. DM die Spitze der Investitionen erreicht zu haben, so wird diese Summe in diesem Jahr noch „erheblich“ höher sein. Dr. Lohse schätzte sie auf das doppelte der gestiegenen Abschreibungen, die zuletzt mit 228 Mill. DM ausgewiesen waren. Das auf Sicherheit bedachte Unternehmen hat sogar schon für die nächsten zwei Jahre die Investitionen „traumsicher“ abfinanziert. Die Erträge werden zwar relativ zurückgehen, aber der Börse keinen Anlaß zur Sorge geben. Die Auslandsbestellungen verringerten sich in letzter Zeit „fühlbar“; nach Lohses Darstellung aber nur, weil die deutschen Lieferfristen zu lang sind. Sei erst einmal „Luft“ in den Fabriken, so seien auch wieder wachsende Exporte zu erwarten.

Selbstverständlich kennt auch Siemens das Problem der steigenden Kosten, der hohen wirklicher oder angeblichen Krankenziffern und andere Sorgen. Aber es war mehr als ein Bonmot, wenn Lohse dies mit der Bemerkung kommentierte „Das Wirtschaftswunderkind liegt in seinen Flegeljähren.“ So selten ein Halbwüchsiger daran stirbt, so wenig sind sie in der Wirtschaft eine tödliche Gefahr.

Auch wenn die Siemens-Daten nicht ohne weiteres auf andere Gesellschaften und Bereiche zu übertragen sind – mit Schwierigkeiten fertigzuwerden ist Sache des Unternehmers, falls er nicht seinen Beruf verfehlt hat oder die gesamte Konjunktur abwärts weist. Dies aus dem Munde eines Mannes zu vernehmen, der hohe Verantwortung trägt und sich zu ihr bekennt, war erfrischend wie ein kühlender Sommerwind. gns.