Tour de France: Eine Hetzjagd nach Ruhm und Profit

Von A. Metzner

Die Deutschen werden in Frankreich populär. Erst Adenauer, jetzt Altig. Und diese Parallelen! Die gleichen Anfangsbuchstaben und zudem noch den ersten des Alphabets, und beide sind Kölner! Aber Rudi Altigs Wiege stand in Mannheim am Rhein, höre ich rufen; mag Köln den Adenauer behalten, wir wollen unseren Altig. Aber auch ohne Ironie; Einen Deutschen im Grünen Trikot, das hat es nach dem zweiten Weltkrieg bei der „Tour de France“ noch nicht gegeben. Allerdings – die Geschichte des Grünen Trikots ist noch jung und überstrahlt von der des Gelben Trikots. Daneben verblassen die Rosa Trikots – (ausgerechnet Rosa!) – für die Angehörigen der besten Mannschaft. Der Mann im Gelben Trikot hieß wieder Jacques Anquetil und war, wie es sich bei einer Frankreich-Rundfahrt gehört, Franzose, nachdem die Zeiten, der Italiener, eines Binda, Bartali und Coppi, fürs erste einmal vorbei sind und die Hoffnung der Belgier, Rik van Looy, durch einen schweren Sturz ausgeschieden war. Geht man nach der Dotierung, ist das Grüne Trikot des Punktbesten halb so viel wert wie das Gelbe des Zeitbesten. 20 000 nouveaux francs gegen 10 000. Aber das ist nur ein symbolisches Honorar, mehr eine Anerkennungsgebühr, ein besseres Trinkgeld.

Der Marktwert des Gelben Trikots bewegt sich in ganz anderen Regionen. Der Tour-Sieg ist immer einige hunderttausend Franken wert. Aber nicht nur der „Gelbe“, auch der „Grüne“ kann bei den künftigen Rennen auf den Bahnen den Managern die Gagen diktieren. Altig, der frühere Verfolgungs-Weltmeister, glänzte durch seine einmalige Spurtkraft, die bei seinen drei Etappensiegen die anderen Fahrer wie Anfänger aussehen ließ. Und der urplötzlich einsetzende Antritt, der im Nu ein Feld deklassiert, den will das Publikum vor allem auf den Winterbahnen sehen – er ist es, der die Kassen der Veranstalter füllt. Und dieses enorme Spurtvermögen sicherte Altig auch das Grüne Trikot, das heißt die meisten Punkte. 25 gab es für den Tagessieger, 20 für den Zweiten, 16 für den Dritten, 14 für den Vierten, 12 für den Fünften, 10 für den Sechsten und so weiter.

In den Bergen freilich beim Klettern blieb Altig noch den letzten Beweis, daß er ein großer Tourfahrer ist, schuldig, angeblich aus Rücksicht auf seinen Team-Kameraden Anquetil. Wer weiß? Hier rechnete sich ein weiterer deutscher Weltmeister, der im Querfeldeinfahren, Rudolf Wolfshohl eine Chance aus. Aber der herkulische Spanier Bahamontes war hier allen weit überlegen. Kaum zu begreifen, mit welch spielender Leichtigkeit er die steilsten Gebirgsstraßen einsam im Wiegetritt emporklomm.

Schinderei ohne Ende

Wie menschlich wäre es doch, wenn den Fahrern bei Steigungen eine kleine Verschnaufpause gegönnt würde! Aber ein fast diabolisches Antreibersystem, gegen das die Vorstellungen von Towarisch Stachanow wie milder Zuspruch wirken, sorgt dafür, daß die Schinderei kein Ende nimmt. Vier Kategorien von „Bergen“ werden unterschieden. Kategorie I, die „Hügel“ bis zu 500 Metern, bis zur Kategorie IV: Berge über 1500 m. 2800 Meter hoch ist der höchste Paß, der in den Alpen überquert werden muß, also nicht viel weniger als der Gipfel der Zugspitze! Aber noch gefürchteter ist der Tourmalet in den Pyrenäen, der „nur“ 2113 m hoch liegt. Dem zermürbenden Aufstieg folgt die halsbrecherische Abfahrt um hundert Haarnadelkurven, steile Felswände auf der einen und schroffe Abgründe auf der anderen Seite. Ein Spiel mit dem Tode! Aus der heißen Ebene geht es hinauf, schweißbedeckt in die Kühle der Berge bis an den Rand der Wolken, die Muskeln zittern vor Kälte – und dann wieder hinab im mörderischen Tempo in den Brutofen der Niederung. 4200 Kilometer, über 4 Millionen Meter also müssen in nur 22 Tagesetappen heruntergestrampelt werden. Mitleidige Zuschauer am Wege schütten manchmal, wenn die Hitze gar zu unerträglich wird, einen Eimer Wasser über die Gequälten oder bespritzen sie mit ihrem Gartenschlauch, und dankbar nehmen die Geschundenen die kühlende Nässe hin. Manchmal hat selbst der Himmel ein Einsehen, dann prasselt ein Gewitterregen auf sie herab, und es bleibt kein trockener Faden. Aber weiter, heißt es, immer weiter bis zum fernen Etappenziel.