Eines Tages werden sie ihren Kindern und Kindeskindern Rede und Antwort stehen müssen. Eines Tages wird es kein Ausweichen, kein Drumrumreden geben. Eines Tages werden sie vor ihnen stehen und fragen: „Und wo wart ihr damals, an jenen heißen Juni-Abenden des Jahres 1962, als der Schwabinger Aufruhr stattfand?“ Was sollen sie dann ihren Kindern und Kindeskindern sagen? Sollen sie zugeben, daß sie just in jenen Tagen Urlaub in St. Tropez, Kampen oder in Cattolica machten? Aber noch schlimmer dran sind natürlich jene Münchner, die in München waren und nichts mitgekriegt haben. Wer sich nicht mindestens zwei Nächte hat um die Ohren schlagen lassen – das ist genau mein Quantum –, wer nicht mindestens das Schnauben der Pferdenüstern dicht an seinen Ohren verspürt hat oder einen Gummiknüppel an sich vorbeizischen sah, der wird niemals als Krawall-Veteran anerkannt werden.

Beneidenswert in dieser Hinsicht bleibt das Schicksal jenes Berliners, der am Abend hier ankam, sich duschte, ein frisches Hemd anzog, sich von einem Taxi nach Schwabing fahren ließ, den Taxi-Fahrer bat, ihn dort abzusetzen, „wo was los ist“ – was dieser ohne jede böse Nebenabsicht tat, mit dem Erfolg, daß unser Berliner, der wenige Schritte weiterging, plötzlich einen Schlag mit dem Gummiknüppel über den Kopf bekam, als Aufrührer von der Polizei abtransportiert wurde und erst fünfzehn Stunden später Gelegenheit hatte, die „Weltstadt mit Herz“ von einer umgänglicheren Seite kennenzulernen.

Ich gebe es nicht gern zu, aber den Auftakt – als die Gefechte noch einen spielerisch-frischen Charakter trugen – habe ich aus mir unerklärlichen Gründen verschlafen. Dafür habe ich aber neben der recht abwechslungsreichen Freitag-Vorstellung vor allem die große dramatische Sonnabend-Schau – das Polizeispringen um den Speiseeispokal – ausgiebig miterlebt. Und zwar von Beginn der Darbietungen, der um 23 Uhr herum lag, an. Touristen, die in ihren Bussen von den tobenden Menschenmassen eingekeilt wurden, nahmen vermutlich an, das sei eine Überraschungszugabe ihrer freundlichen Reisegesellschaft.

Über die folgenden Geschehnisse gibt es zwei Versionen. Nach der einen, mehr offiziellen, scheint es sich um einen Versuch von zum Teil weithergereisten Halbstarkenverbänden gehandelt zu haben, einige Hundertschaften friedfertiger, nur mit Blaulicht ausgerüsteter Verkehrsschutzleute außer Gefecht zu setzen, um anschließend die Macht in dieser Stadt zu ergreifen. Nach der anderen, weniger offiziellen Version waren einige Tausend Schwabinger – wegen der Fülle zum großen Teil auf der Fahrbahn – an einem heiteren Sommerabend damit beschäftigt, gemischtes Eis zu verzehren, als die völlig Ahnungslosen von einer aus dem Hinterhalt hervorpreschenden Polizei-Armee überfallen und mit Lust und Liebe niedergeknüppelt wurden.

Zu dieser letzten Seite der Affäre kann ich aus eigener Erfahrung nichts beitragen. Mich wollte einfach keiner schlagen, vielleicht, weil ich nicht so aufrührerisch aussehe wie der zweiundsechzigjährige Direktor des Städtischen Jugendamtes. Mit blauen Flecken oder vielleicht auch einem verbundenen Kopf kann ich also nicht aufwarten und beneide darum ein bißchen einige meiner lädierten Bekannten, obwohl ich im einen oder anderen Falle den Verdacht nicht loswerde, daß diese Krawall-Male von ganz anderen Dingen rühren.

Das gilt besonders von jenen, von Gummiknüppeln oder Pferdehufen rührenden blauen Flecken, von denen einige Damen reden, ohne sie indes einer näheren, bestätigenden Besichtigung unterziehen lassen zu wollen.

In Zukunft wird es diese blauen Flecken kaum mehr geben. Nicht etwa, weil man dann den teuer erstandenen Wasserwerfer einsetzen wird. Der taugt für viele Zwecke – bloß nicht für Krawalle in breiten Straßen, an denen mehr als zehn Menschen teilnehmen. Aber die Polizei hatte, was Krawalle angeht, gar keine Erfahrung – so hört man. Nachdem sie Lehrgeld zahlen und wir Fersengeld geben mußten, weiß sie nun, wie man mit solchen Phänomenen fertig wird.