KLEVE (Städtisches Museum Haus Koekkoek): „Koekkoek“

Vor hundert Jahren ist in Kleve der Maler Barend Cornelis Koekkoek (man spricht ihn Kuckuck) gestorben. Er wurde 1803 in Middelburg auf der Insel Walcheren als Sohn eines Marinemalers geboren. Koekkoek ist keine niederrheinische Lokalgröße, vielmehr der gefeiertste Landschaftler seiner Zeit, Lieblingsmaler der europäischen Gesellschaft – jedesmal, wenn er im Pariser Salon ausstellte, erhielt er gegen internationale Konkurrenz die Goldmedaille. Seine Bilder wurden fürstlich honoriert, so daß er sich in Kleve ein klassizistisches Palais errichtete, das seit einigen Jahren als Städtisches Museum dient. Museumsdirektor Friedrich Gorissen hat in diesem Sommer 100 Bilder des Malers aus Museen, Privatsammlungen und den umfangreichen eigenen Beständen zu einer großen Jubiläumsschau – bis zum 30. September – vereinigt, um den Künstler, „der zwei Generationen lang die gebildete und anspruchsvolle Welt gefesselt hat“ und heute in Deutschland nur noch bei einigen Sammlern und Experten der vorimpressionistischen Landschaftsmalerei halbwegs bekannt ist, wieder ins Gespräch zu bringen. Koekkoeks Landschaften sind unwahrscheinlich virtuos gemalt, die Eichenbäume, die Eisvergnügen, die Burgruinen, die weidenden Herden und rastenden Hirten sind wie ein Nachleben des Goldenen Jahrhunderts der Niederländer. Sie erinnern an van der Velde, Ostade und Ruisdael, mit einem leichten Zusatz von Romantik und Biedermeier, und es ist vollkommen verständlich, daß diese Bilder die Zeitgenossen bezaubert haben. Atmosphäre, Stimmung, dazu die handwerkliche Solidität – das ist entschieden bewundernswert. Problematisch ist auch nicht die ungeheure Sorgfalt und Genauigkeit, mit der er ans Werk geht, sondern daß diese Sorgfalt und dieses ganze besessene Naturstudium von dem vorgeformten Schema nicht genügend loskommt: mehr schöngemalte Kulissen als Natur. Unter den Hunderten von Skizzen und Zeichnungen gibt es einige erstaunliche Blätter, wo er aus der Anschauung eine unbedingt originelle Form entwickelt. Außerdem zeigt das Museum die einzigen acht Porträts, die Koekkoek gemalt hat,Bilder seiner fünf Töchter und das „Selbstporträt“, ein Pastell, um 1857 anzusetzen, aus den letzten, tragisch verdüsterten Jahren, bevor ein Schlaganfall seine Produktivität zum Erliegen brachte. Ein herrliches und unvergeßliches Bild: Die Pose des „Malerfürsten“ wird entlarvt, ein weißes Gesicht, ein Blick ins hoffnungslose Leere. B. C. Koeckoek, ein sehr großes Talent, mit einem dem 17. Jahrhundert entliehenen Pinsel – fast ein Genie.

BADEN-BADEN (Staatliche Kunsthalle): „Klee“

60 Blätter aus dem Spätwerk, Aquarelle und Zeichnungen zwischen 1934 und 1940. Sie gehören dem Sohn Felix Klee und waren bisher noch nie ausgestellt. Seltsam, daß es bei einem Maler wie Klee trotz aller Ausstellungen und Publikationen noch immer so viel Unbekanntes gibt, es ist nur durch seine unheimliche Produktivität zu erklären. Felix Klee berichtet in einem Begleittext zu der Ausstellung über das Schaffen seines Vaters nach der erzwungenen Rückkehr in die Schweiz: „Bis zum endgültigen Versiegen seiner Kraft Ende April 1940 steigerte sich seine Produktion immer mehr: verzeichnen wir doch die erstaunliche ,Tagesleistung’ von durchschnittlich vier Werken ...“ Ob sein jahrelanges Leiden wirklich zu einer „unglaublichen Stilwandlung“ geführt hat, ob sein Spätwerk wirklich im Schatten des Todes stand, wie das oft behauptet wird, ist doch zweifelhaft, wenn man diese späten Blätter sieht. Sie sind keineswegs oder auch nur durchgehend auf Tragik gestimmt, Sie sind auch humorvoll, sie zeigen Klees Neigung zu allerhand Späßen, zu Wort- und Zeichenspielen. Auch im Spätwerk gibt es die größten Unterschiede, nicht nur in der „Gestimmtheit“, sondern im geistigen, im künstlerischen Niveau. Die „Fall-Bäume“ sind bester Klee – ein Blatt wie „Der gefundene Ausweg“ liegt unter dem Niveau von Morgenstern. Der Klee-Kult nach 1945 hat es leider verhindert, innerhalb dieses gigantischen Oeuvres (Felix Klee beziffert es auf über 9000 Werke) zu unterscheiden, die großartigen Dinge von den belanglosen und beiläufigen zu sondern, womit doch das säkulare Phänomen Paul Klee nicht im mindesten geschmälert würde. – Die Blätter waren erst in Wiesbaden – Clemens Weiler hatte sie bei Felix Klee ausgesucht – und sind bis zum 15. August in Baden-Baden ausgestellt. g. s.