Die offiziellen Erklärungen aus Moskau werden drängender, drohender. Am Dienstag der vorigen Woche forderte Chruschtschow in seiner Rede vor dem „Weltfriedenskongreß“ kategorisch den Abzug der alliierten Truppen aus Westberlin. Zwei Tage später sekundierte ihm die amtliche sowjetische Nachrichtenagentur Tass: „Für die Sowjetunion ist der Abzug der Besatzungstruppen aus Berlin der wichtigste Aspekt des Berlin-Problems.“

Falls keine Einigung mit den Westmächten zustande komme, werde Moskau einen Separatfriedensvertrag mit der DDR schließen, der „die Lage im Herzen Europas in radikaler Weise ändern“ werde. Am letzten Wochenende schließlich lehnte der Kreml in einer Note den westlichen Vorschlag ab, eine Konferenz der vier Großmächte einzuberufen, die neue Zwischenfälle an der Mauer verhindern sollte.

Der Wortschatz dieser Note war selbst für sowjetische Gepflogenheiten ungewöhnlich rüde. „Verbrecher“, „Provokateure“, „Abenteurer“ – Ulbricht hätte es nicht besser machen können. Auch was aus Moskau zum Beginn der Abrüstungskonferenz in Genf zu hören war, klang höchst unfreundlich und weckte die Erinnerung an jene Propaganda-Tiraden, mit denen die Moskauer Vertreter schon bei früheren Konferenzen sachliche Gespräche im Keim erstickt hatten.

Drohende Töne, gewiß; aber rechtfertigen sie den Schluß, daß die Moskauer Politik eine Schwenkung vollzogen habe, wie manche westliche Kommentatoren glauben? Steuert Chruschtschow wirklich auf „Kollisionskurs“?

Daß dem Kremlherrn im Augenblick viel daran gelegen ist, die Krise anzuheizen, um von inneren Schwierigkeiten im kommunistischen Herrschaftsbereich abzulenken, ist einleuchtend; daß er jegliche Verhandlungen mit Einschüchterungsversuchen begleitet, ist bekannt. Aber all dies bedeutet noch nicht, daß er blindlings Kollisionskurs steuert. Daß es „nur so aussieht“, ist indes kein Grund zur Beruhigung. Wenn Chruschtschow nach all diesem propagandistischen Getöse sich großmütig bereit erklärt, vorläufig weiter die alliierten Truppen in Westberlin zu dulden und „nur“ einen Separatfriedensvertrag abschließt, mag man im Westen aufatmen.

Wäre es verwunderlich, wenn der Kremlherr genau auf diese Reaktion spekulierte? R. Z.