Aristoteles – nicht Onassis, sondern der andere – sagt: „Die Seele ist gewissermaßen Alles.“ Daraus ziehen besonders die Poeten, die Generalstäbler und die Juristen Profit. Denn ihr Talent befähigt die Seele, in Fremdes einzusteigen, um sich davon einen „Begriff“ zu machen. So können die Poeten in anderer Leute Haut, die Juristen ins finsterste Verbrecherherz und die Generale in die Ränke ihrer Widersacher hineinschlüpfen. Und irgendwann überkommt auch jeden von uns, zum Spaß, oder zum Nutzen, die Lust sich vorzustellen: „Wie wäre es, wenn ich nicht ich wäre, sondern jemand anderes...?“ Nur Einfaltspinsel begnügen sich mit dem, was ist, da doch die Möglichkeiten viel reizvoller sind als die sture Realität. Stellen Sie sich beispielsweise vor, Sie wären „Schönheitskönigin“! Sie werden staunen, zu welchen schrecklichen Erkenntnissen Sie kommen ...

Dieser Tage stand in der Zeitung, daß Fräulein Gisela Karschuck, die dienstjüngste „Miß Germany“, leidet! Auf der fünftägigen Busfahrt von New York nach Miami Beach, wo sie an der „Miß-Universum-Konkurrenz“ teilnahm, mußte sie – die Photographen gaben kein Pardon – lächeln, immer nur lächeln! Die ganze Fahrt bestand nur aus Aussteigen, Lächeln und Wiedereinsteigen. Ein kleines Lächeln sei für sie natürlich, erboste sich nunmehr die Schöne – aber man habe stets ein großes Lächeln, mit „Zähnezeigen“, von ihr verlangt! Zum Glück ist die einundzwanzigjährige Dame Sportstudentin. Es ist darum zu hoffen, daß sie diese körperliche Tortur ohne nachhaltigen Schaden überstand.

Niemand zweifelt, daß Schönheit, als „Augenweide“, eine soziale Mitgift ist, und daß umgekehrt, wer hübsch ist, auch wissen will, daß er hübsch ist. Dieser Wissensdurst tritt offenbar in verschiedenen Graden auf. Sozusagen als: „Wissen-“, „genau Wissen-“ und „ganz genau Wissen-Wollen!“ Für das Erste mag ein Spiegel genügen, für das Zweite ist zumindest eine Strandpromenade vonnöten, und für das Dritte – unser Beispiel zeigt es – muß man sich eventuell bequemen, im Autobus nach Miami Beach zu zuckeln.

Wer aber so anspruchsvoll ist, erfährt die soziale Verpflichtung seines Aussehens in ganzer Grausamkeit. Wie einfach hatten es die Schönen der Renaissance oder des Barock. Es genügte, daß sich ein Maler oder ein Dichter in sie verliebte, um ihrer Anmut Glanz und Dauer zu verleihen. Aber wer liest heutzutage schon Gedichte? Und welches Mädchen wäre beglückt, von einem Abstrakten in ein Kreuzworträtsel verarbeitet zu werden? Gewiß, es gibt den Film und es gibt die Reklame. Damit ist eine Breitenwirkung gesichert. Aber wer sich mit dem Film einläßt, den frißt die Produktion mit Haut und Haaren. Der Friede seiner Seele ist dahin. Und – was die, Reklame betrifft – so ist es nicht nach jedermanns Geschmack, als Lockvogel für Zahnpasta oder Strümpfe verwurstet zu werden. Also bleibt doch wiederum nur: die Busfahrt nach Miami Beach!

Eine Fahrt an Floridas Küste entlang ist ein Geschenk des Himmels? Bestimmt nicht, wenn man zu hübsch ist und das fünf Tage lang beweisen soll. Es ist heiß in dem Kasten. Die Hitze droht auch eine sportgestählte Dame zu zerknittern. Reißt sie aber das Fenster auf, so geht die Frisur zum Teufel oder sie holt sich einen Schnupfen. Duldet sie dagegen stumm, so schwitzt sie trotzdem. Und dazu ständig die Angst, beim nächsten Halt nur noch als Schatten ihrer selbst zu erscheinen! Denn wenn die Photographen ihr Bild geschossen haben, gilt nur noch, was zu sehen ist. Keiner fragt dann nach den näheren Umständen. Man ist erbarmungslos veröffentlicht.

Wo immer Station gemacht wird: das Publikum ist gespannt. Es will die junge Dame erstens „bilchübsch“ und zweitens „freundlich“. Aber die junge Dame ist „sauer“ (wer mitfühlt, wird es ihr nicht verübeln). Ihr ist zwar nach Zähnezeigen zumute, aber nicht nach Lächeln. Das Publikum will jedoch nicht mitfühlen. Es will sich begeistern. Es will seine Märchenprinzessin haben. Und eine Märchenprinzessin hat sorgenlos zu strahlen. Arme Prinzessin! Nichts ist widerlicher, als sonnig zu scheinen, wenn man am liebsten Blitze schleudern möchte. Das ist der Fluch von Florida! Und darum wird man beneidet? Die Dicken und die Dürren, die Stupsnasen und die abstehenden Ohren täten besser daran, dem Himmel zu danken, daß ihnen die Leiden der Schönheit erspart bleiben!